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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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17.08.2020 - Ausgabe: 4/2020

Bespielbares Schermbeck

Von Isabella de Medici (DTP Landschaftsarchitekten GmbH)

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© DTP Landschaftsarchitekten GmbH

In der kleinen Gemeinde Schermbeck haben DTP Landschaftsarchitekten alltägliche Räume in der Stadt wieder bespielbar gemacht. Dabei ist kein Freizeit- oder Entertainmentpark entstanden. Ganz im Gegenteil. Unaufgeregt und gewöhnlich muten die Veränderungen des Spiel- und Bewegungsraumkonzepts zunächst an. Bei genauerer Betrachtung entpuppen sie sich als starke Impulse und wichtige Richtungsweiser.

 

Wie vielfältig die Räume in der Stadt genutzt werden können, haben uns die Wochen des Corona bedingten Lockdowns gezeigt. Auf einmal spielten Kinder wieder auf Gehwegen, nutzen leere Parkplätze zum Radfahren oder Drachensteigen lassen. Eltern joggten durch Wohnstraßen oder radelten von einem Stadtteil in den nächsten. Natürlich blieben uns in der Zeit gesperrter Spiel- und Sportplätze kaum Alternativen. Aber hat die Situation nicht gezeigt, dass autofreie Räume in der Stadt zum Spielen und Bewegen regelrecht einladen? 

Dieser Gedanke liegt auch dem Spiel- und Bewegungsraumkonzept der Gemeinde Schermbeck zugrunde. Durch zahlreiche, vergleichsweise unspektakuläre Veränderungen im städtischen Freiraumgefüge werden die Schermbecker wieder zum Spielen in der Stadt eingeladen: auf neugestalteten Spielplätzen, auf Wegen, deren Rändern oder in den Umfeldern von Schulen, Kindergärten oder Sportstätten. Ob jung oder alt, die neuen Umgestaltungen locken alle Bürger wieder auf das Fahrrad oder laden sie ein, zu Fuß zu gehen. Das freut den Bürgermeister der Gemeinde sehr: „Die Menschen in Schermbeck gehen wieder zu Fuß und die Kinder durchstreifen wieder die Stadt. Das ist wunderbar, so wie früher“, schwärmt der Bürgermeister Mike Rexforth. Dabei hat der Blick in die Vergangenheit nichts Rückwärtsgewandtes. Ganz im Gegenteil. Er sieht, dass die durch das Spiel- und Bewegungsraumkonzept initiierten Veränderungen im Freiraumgefüge die Bürger wieder aus dem Auto in den öffentlichen Raum locken. 

Ein umfassendes Spiel- und Bewegungsraumkonzept war von der Gemeinde Schermbeck zunächst gar nicht intendiert. In einem ersten Auftrag sollten DTP Landschaftsarchitekten die vorhandenen Spielplätze analysieren. Diese Untersuchung zeigte schnell, dass mit steigenden Bevölkerungszahlen und entsprechender Ausweisung neuer Baugebiete ein unkontrolliertes Angebot entstanden war. Oftmals lagen die Spielplätze inselartig allein, nicht vernetzt oder in Quartieren, in denen kaum Kinder leben. Andere Räume waren ungepflegt, ihre Nutzbarkeit eingeschränkt oder ihre Ausstattung unattraktiv. Über Jahre war die Entwicklung weder einem Gesamtkonzept noch einem übergreifenden Spielleitplan gefolgt. 

Glücklicherweise konnten DTP Landschaftsarchitekten die Gemeinde überzeugen, dass genau so ein umfassendes Konzept vonnöten sei. Dabei war die Situation in Schermbeck keine außergewöhnliche. In vielen Städten und Gemeinden sind öffentlich zugängliche Aufenthaltsorte und Spielplätze in die Jahre gekommen. Ihre Geräte sind in schlechtem Zustand oder ihre Angebote entsprechen nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen unterschiedlicher Nutzergruppen. Denn mitnichten sind es nur Klein- oder Schulkinder, die einen Spielplatz aufsuchen. Auch Jugendliche, Erwachsene und Senioren sind Zielgruppen für Spiel- und Bewegungsangebote in der Stadt.

All diese Herausforderungen galt es im Spiel- und Bewegungsraumkonzept aufzugreifen. Bereits im Jahr 2014 präsentierten wir Ideen dazu, wie Schermbeck zu einer „bespielbaren Gemeinde“ werden kann, wie das Spielen auf und neben Spielplätzen und auch die Bewegung in den Räumen dazwischen Spaß und Freude bringen kann. Dieses Konzept sah vor, unterschiedliche Räume in der Gemeinde nach Themen zu qualifizieren, sie miteinander und mit der an die Gemeinde grenzenden Landschaft zu verbinden. Insgesamt wurden fünf Themenfelder identifiziert, deren Qualitäten gestärkt und ausgebaut wurden. So sah das Konzept für einen Bereich im südlichen Teil des Ortes, rund um die Grundschule, einen „Spielpark“ für alle vor. Durch eine Grünverbindung angebunden liegt weiter östlich das Themenfeld „Abenteuerspiel“, das das informelle Spiel stärkt. Von hier geht es über kleine Wege zum nördlich gelegenen „Sportband“. Dieses Themenfeld wird als „Bewegungsfuge“ gesehen, die ihren Auftakt an der Gesamtschule hat und sich von dort bis zum Sportplatz weit im Nordosten ausdehnt. Durch den westlichen Teil des Ortes streckt sich eine fast lineare Zone, das „Landschaftsspiel“. Es startet am Kindergarten, verbindet diesen mit der offenen Landschaft am westlichen Ortsrand und mündet im Süden in die urbane Zone die „Schermbecker Piazza“ rund um den Rathausplatz. 

In allen Themenfeldern wurden nicht nur die bestehenden Spielplätze aufgewertet, wie zum Beispiel am Bleichwall. Als Teilbereich des Themenfelds „Landschaftsspiel“ wurden auf diesem Spielplatz die bestehenden Spielgeräte erhalten, aber der gesamte Raum wird künftig nach Westen erweitert. Hier entstehen neue Sandflächen und ein Wasserspiel mit Rinnen und Becken, die sich zu einem attraktiven Matschspiel vereinen. Aber auch neue Bänke, Fahrradbügel und Abfallbehälter werten den Bestand auf. In anderen Themenfeldern wurden weitere, stereotype Spielplätze durch aufregende Spielräume ersetzt. In den meisten Fällen laden die neuen Angebote dazu ein, auch die umgebenen Räume zu erkunden. Das sind nicht immer nur Flächen, sondern auch das Spielen auf dem Weg oder am Wegesrand wird gefördert. So zum Beispiel im Bereich des Prozessionsweges, zwischen den Themenfeldern „Spielpark“ und dem „Abenteuerspiel“. Der diese Felder verbindende Weg war bisher beidseitig von Grünflächen begleitet. Nun säumen ihn Balance-Angebote wie eine Brücke, ein Balken, Hüpfpoller und zwei Betonwellen, die auch von Skatern genutzt werden können. Außerdem werden blaublühende Bäume gepflanzt. Denn blau ist die Leitfarbe des gesamten Spiel- und Bewegungsraumkonzepts. So verweisen große blaue Fußstapfen auf dem Boden genauso auf die neuen Angebote, wie blaue Lampenmasten, bläuliche Bodenbeläge, blaue Farbflächen an Spielgeräten oder blau blühende Stauden. Auch die Außenanlagen und Höfe der Schulen werden in Schermbeck nicht nur als Räume für Pausen gesehen. Vielmehr versteht das Spiel- und Bewegungsraumkonzept sie als offene Orte, die jederzeit zu Miteinander, zum Verweilen, Klettern, Bouldern, Rennen oder Bolzen einladen. Auch auf den neugestalteten Schulhöfen tauchen immer wieder Elemente in der Farbe blau auf. 

Durch diese und viele weitere, oftmals unaufgeregte kleine Interventionen, wollten DTP Landschaftsarchitekten den Schermbeckern nicht nur ermöglichen, an zahlreichen, unterschiedlich gearteten Orten in der Stadt zu spielen. Wir wollten sie vor allem anregen, ihren Ort neu zu entdecken und ihnen zeigen, dass es viele attraktive und kurzweilige Wegeverbindungen jenseits der Autostraßen gibt. Mit diesem Ziel im Hinterkopf, hat unser Konzept wesentlich dazu beigetragen, dass ein alltagstaugliches Fuß- und Radwegenetz in Schermbeck entstanden ist. 

Heute erleben alle Bürger Schermbecks, vor allem aber die Kinder, ihre Stadt ganz neu. Entlang von straßenunabhängigen, abwechslungsreichen Wegeverbindungen gelangen sie von einem attraktiven Spiel- und Bewegungsort zum anderen, aber auch zu ihren Kindergärten, Schulen oder Sportanlagen. Sie erobern spielend und spielerisch ihr Lebensumfeld neu und lernen auf diesen Streifzügen durch den Ort. „Was banal klingt, ist von großem pädagogischem Wert. Deshalb hat das mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam entwickelte Spiel- und Bewegungsraumkonzept in Schermbeck so viel verändert“, resümiert der Schulleiter der Gesamtschule Norbert Hohmann. Die gesamte Stadt Schermbeck hat sich durch vergleichbar kleine Maßnahmen und Eingriffe in eine „bespielbare Ortschaft“ verwandelt. Derzeit läuft die Planung und Realisierung der letzten beiden Themenfelder: dem Landschafts- und Abenteuerspielbereich und der Schermbecker Piazza. Ende 2021 soll das gesamte Spiel- und Bewegungsraumkonzept umgesetzt sein.

Dann können DTP Landschaftsarchitekten auf einen siebenjährigen Prozess zurückblicken, in dem sie intensiv in und mit einer Gemeinde und ihren Bürgern zusammengearbeitet haben. Wie schon bei der Entwicklung des Gesamtkonzepts haben wir die Schermbecker auch in die detaillierte Gestaltung der einzelnen Themenfelder einbezogen. Wichtige Unterstützer waren dabei vor allem die Schulen vor Ort. Nun hoffen wir, dass die Schermbecker Kinder mit positiven Erlebnissen auf ihren Wegen und in ihren Spielräumen groß werden. Vielleicht entwickeln sie ausreichend Durchsetzungsvermögen, um sich langfristig für die Erhaltung und Gestaltung bespiel- und begehbarer Räume in unseren Städten einzusetzen und den Platzbedarf von Autos zu reduzieren. Denn das haben wir alle – nicht nur die Menschen in Schermbeck – in den Wochen des Corona Lockdowns realisiert: Wenn die Autos uns Raum lassen, kommen wir gerne zum Spielen und Bewegen inmitten der Stadt zusammen.


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