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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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17.08.2020 - Ausgabe: 4/2020

Der Wal im Parc Central de Nou Barris in Barcelona

Photo
©Recreology-Lappset España

Barcelona hat einen Plan: die Schaffung eines freundlich gestalteten Erlebnisorts für alle Bürger, insbesondere für die Kleinen. So wurde im Rahmen des internationalen Playable City Konzepts der Parc Central de Nou Barris als Ort für die Umsetzung einer außergewöhnlichen Spielidee erwählt. Kennzeichnendes Element für den Erfolg dieses Projekts war der gemeinschaftliche Gestaltungsprozess von Projektbeginn an bis zum Ende der letzten Bauphase.  Die Schülerinnen und Schüler der umliegenden Schulen haben sich besonders kreativ in die einzelnen Gestaltungsphasen eingebracht und Elemente benannt, die aus ihrer Sicht im öffentlichen Raum Anreiz zum Spielen schaffen würden.

Aus den gesammelten Vorschlägen der Kinder für ein einzigartiges Spielkonzept ist daher der Wunsch nach einem bespielbaren Wal für den Parc Central von Nou Barris entstanden. Das Architekturbüro Queralt Suau hat dann aus der Idee der Schüler ein Gestaltungskonzept unter Berücksichtigung folgender Gesichtspunkte entwickelt:

 

  • das Spiel im öffentlichen Raum als eine Strategie zu sehen, die dazu dient, den Ort neu zu definieren und gemeinsame (imaginäre) Räume zu schaffen;
  • den Raum als vollkommene Integration eines Systems bespielbarer Elemente zu sehen;
  • durch Spielen auf verschiedenen Ebenen und unter Berücksichtigung unterschiedlicher Voraussetzungen und verschiedener Altersgruppen eine sinnliche und materielle Erfahrung zu schaffen, und dadurch eine möglichst große Vielfalt an Spielmöglichkeiten und Aktivitäten zu kreieren und zu fördern;
  • ein Spielsystem zu entwickeln, das Raum für Phantasie, freies Spiel und Experimente schafft;
  • ein Zugehörigkeitsgefühl zum Ort zu vermitteln.

 

Die spanische Firma Recreology-Lappset España, die beim Bau dieses neuen Spielraums in Barcelona ihre bereits umfangreich gesammelte Erfahrung mit ähnlichen Spielsystemen einbringen konnte, wurde mit der Projektumsetzung beauftragt.  Architekt ist QUERALT SUAU.

 

Die Erzählung definiert den Raum

Das einzigartige Spielkonzept stellt einen Meilenstein für den Park dar. Hier ist eine Geschichte entstanden, die den Ort in einer Weise definiert, die Kinder und ihre Familien dazu motiviert, den Raum entdecken zu wollen. Der Wal, der bereits von Weitem durch die Baumwipfel zu sehen ist, ist ein Anziehungspunkt für alle Besucher und lädt dazu ein, den Raum spielerisch zu erobern und zahlreiche Spielmöglichkeiten auszuprobieren. Nachgestellt wird die dynamische Situation mithilfe eines riesigen, springenden Wals, neben dem ein kleinerer Wal, von dem nur noch der Schwanz zu sehen ist, gerade ins Meer taucht. Diese Situation stellt die symbolische Aufforderung zum Spiel dar und wird somit zum Mittelpunkt dieses Ortes. Im Bauch des großen Wals finden die Kinder eine Traumwelt vor, die an die Geschichten von Moby Dick und Pinocchio erinnert und sie dazu anregen soll, phantasievoll das Spiel neu zu erfinden.

 

Das Öko-Spielesystem

Das Ökospielesystem basiert auf einer dichten Abfolge verschiedener Spielmöglichkeiten und Raumgestaltungen im Inneren des Wals. Der Körper des Wals ist dabei die große Hülle, die es zu erforschen gilt und in der sich Raum und Aktion vermischen. Die räumliche Konfiguration wurde hierbei an die Anatomie des Walfischs angepasst. Das Maul wird dabei zu einem Schiff mit einem dichten Netz aus Hängematten in verschiedenen Höhen. Die Hängematten sind orangefarben, wie Krill, eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Wale. Daneben das Gehirn, das zu einem großen, vertikalen Labyrinth umfunktioniert wurde. Diesen Raum müssen die Kinder durchqueren, um zu den Rutschen zu gelangen, die gleichzeitig die Wirbelsäule des Wals darstellen. Im Inneren des Bauches gelangt man dann in die Traumwelt, deren Gestaltung an die beiden literarischen Klassiker erinnert. Das gewaltige Meeressäugetier birgt somit eine Vielzahl an Möglichkeiten, kindliche Spielphantasien anzuregen und frei zu entfalten. Darüber hinaus bildet der große Fischschwarm auf einer der Innenseiten eine dichte Landschaft nach, in der man einfach nur in Ruhe spazieren gehen, oder miteinander klettern oder springen kann. Je weiter sich die Kinder spielerisch im Walinneren vortasten, desto intensiver wird ihre Autonomie durch die Raumgestaltung gefördert. In den Tiefen des Meeres angekommen, befindet sich ein aus Papier gefaltetes Boot. Hier wird das ruhige Spiel gefördert und insbesondere die Kleinen werden dazu inspiriert, auf Entdeckungsreise zu gehen. Parallel dazu befindet sich auf der anderen Seite eine im Inneren des Wals, von oben herabhängende Boje. Hier braucht es wiederum gemeinschaftlichen Einsatz, um die große Walflosse zu bewegen, die sich, sobald dies gelingt, im Rhythmus der spielenden Kinder hin und her bewegt. 

 

Beschaffenheit als Spielwert

Kreatives und phantasievolles Spiel werden durch die sinnliche Erfahrung mit der Beschaffenheit des Raums und dessen Geschichte aktiviert. Durch die aus mikroperforiertem Material nachgebildete Haut des Walfischs bietet sich, wenn man sich in seinem Inneren befindet, ein ständig wechselndes Spiel aus von innen heraus sehen und von außen gesehen werden. Und unter seinem weit geöffneten Maul entsteht angenehmer Schatten. Die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmt; dadurch gewinnt das Spiel mehr Autonomie, während gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt wird. Im Inneren des Walmauls sind Hängematten in unterschiedlichen Höhen angebracht. Dadurch entstehen sowohl räumliche Dynamik als auch visueller Rhythmus. Die einzelnen Schichten im Inneren des Walfischs bilden zusammen ein schlangenförmiges Labyrinth aus Seilen und Gummi, das an einem großartigen Aussichtspunkt endet. Das Schiff, das in den Gummidünen auf Grund läuft sowie der Schwarm aus 400 Iroko-Holzfischen sind die Protagonisten des Spiels, bei dem es um Ertasten und Raumbeschaffenheit geht und das für alle zugänglich ist.

 

Spielend handeln und entdecken

Die vielen Spieloptionen bieten den jungen Nutzern die Chance, ihre eigenen Erfahrungen und Entdeckungen zu machen und frei zu improvisieren. Daraus ergeben sich zahlreiche, unterschiedliche Spielvariationen auf den verschiedenen Wegen durch das Spielareal. Eine konkrete Spielvorgabe gibt es nicht, nur ein offenes Spielsystem, das zahlreiche Optionen bietet, gefördert durch die Komplexität und Dichte dieses einzigartigen Konzepts. Die zahlreichen Möglichkeiten sind dem jeweiligen Alter der Nutzer angepasst. Das integrierte Spielsystem ermöglicht seinen Nutzern, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen.

 

Ein Teil des Spiels sein

Ein Spiel, das als Errungenschaft gesehen wird, wirkt in dreifacher Hinsicht: es ist ein Impulsgeber für Dynamik im öffentlichen Raum, fördert Eigenverantwortung und verwandelt Spielen in eine neue Form des Lernens. Der Spielraum Parc Central de Nou Barris in Barcelona regt die Phantasie der Kinder an und fördert ihre Autonomie, schafft räumliche Strukturen, in denen Besucher unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Voraussetzungen miteinander sein und sich spielerisch entfalten können. Der bespielbare Wal ist daher zu einer komplexen, sozialen Umgebung geworden, in der - Dank der Phantasie und des Spiels seiner Nutzer - eine Zugehörigkeit zum Ort entsteht. Barcelona ist somit dem Ziel, eine bespielbare Stadt zu werden, einen großen Schritt nähergekommen.

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