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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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17.08.2020 - Ausgabe: 4/2020

Spielen mitten in der Stadt – Ein neuer Spielplatz für Göttingen

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©Berliner Seilfabrik GmbH & Co.

Mitten in der Innenstadt von Göttingen liegt der Pauliner Kirchplatz. Die aus stadthistorischer Sicht bedeutende Fläche diente im Mittelalter und dann wieder bis ins 17. Jahrhundert hinein zunächst als Friedhof, bevor im 18. und 19. Jahrhundert ein innerstädtischer Platz daraus wurde. Seit den 1960er Jahren befand sich hier der Parkplatz der Universität.

Nachdem die Fläche viele Jahre lang als möglicher Standort für einen neuen innerstädtischen Spielplatz politisch umstritten war, konnten sich Stadtverwaltung und Universität Anfang 2017 schließlich darauf verständigen, einen Teil des Platzes für die Errichtung einer Grünfläche mit Kinderspielplatz vorzusehen.

Heute, knapp dreieinhalb Jahre später, befindet sich auf dem Pauliner Kirchplatz ein abwechslungsreicher Kinderspielplatz, der verschiedenste Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten anbietet. Absolutes Highlight ist ein über zehn Meter langer Twist aus dem Hause des Herstellers Berliner Seilfabrik. Wie zwei spielende Schlangen verdrehen sich die beiden Rohrkonstruktionen ineinander und bilden so den Rahmen für das riesige Flächennetz, das sich zwischen den Rohrbögen entlang windet. Auf diesem können die Kinder der Stadt nun nach Herzenslust klettern, toben, spielen oder einfach abhängen. Für das nötige Rutschvergnügen sind am schmaleren Ende der Spielskulptur zwei gebogene und parallel verlaufende Rutschstangen in Form einer Banister angebracht.

Direkt neben dem Twist befindet sich eine Nestschaukel. Das besondere Design der sogenannten Arch Swing zeichnet sich dadurch aus, dass der Nestkorb über Systemkugeln an einem geschlossenen Rohrbogen angebracht ist. Da auch der Twist aus verschieden großen Rohrbögen besteht, die ebenfalls über Systemkugeln miteinander verbunden sind, harmonieren Schaukel und Twist optisch perfekt miteinander. Sowohl Design als auch Farbgebung wurde bei der Auswahl der Spielgeräte keineswegs dem Zufall überlassen.

 

„Spielplätze in der Göttinger Innenstadt zu schaffen, ist eine Herausforderung. Enge Straßen, alte Fachwerkhäuser und überhaupt wenige freie Plätze machen die Suche nach einer geeigneten Fläche nicht leicht“, sagt Ulrike Voges, zuständig für den Neubau und die Neugestaltung von städtischen Freiflächen bei der Stadt Göttingen. Die Bereitschaft der Universität Göttingen, einen Teil ihrer Fläche an die Stadt Göttingen als Spielplatzfläche zu verpachten, sei daher ein ausgesprochener Glücksfall. „Wichtig war daher die Auswahl des Spielgerätes: Es sollte ein für das Stadtgebiet einmaliges Spielplatzangebot geschaffen werden, dass durch sein Design und die Farbgebung einen harmonischen Kontrast zu seiner denkmalgeschützen Umgebung bildet und zugleich viele Spielanreize für die Kinder bietet.“ 

Und tatsächlich ist es gelungen, über die organische Form der Spielskulptur Twist, bzw. der Arch Swing, einen angenehmen Kontrast zu den klaren Linien der umliegenden Fachwerkfassaden zu schaffen. Gleichzeitig nimmt die Farbgebung aus blassgrünen Rohren, rostbraunen Kugeln und beigem Seil das Farbspektrum der Umgebung am Pauliner Kirchplatz auf und sorgt so für die entsprechende Harmonie. 

Beim Thema Spielwert steht der Twist dem Design in nichts nach. Das riesige Flächennetz kann nicht nur am Stück durchklettert werden, sondern es lädt insbesondere zum gemeinsamen Spiel ein. Hier können viele Kinder gleichzeitig ran und in Interaktion treten. „Dank des abstrakten Charakters der Spielskulptur wird kein bestimmtes Thema vorgegeben. Dadurch haben die Kinder die Möglichkeit ihre eigenen Spielideen zu verwirklichen und immer wieder neu zu definieren“, sagt Karl Köhler, geschäftsführender Gesellschafter der Berliner Seilfabrik. „Mal ist der Twist ein Schiff auf hoher See, mal eine Dschungelbrücke, die es zu überwinden gilt und ein andermal vielleicht ein Riesendrache, auf dessen Rücken es durch die Lüfte geht – hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.“ 

Beim Übergang vom Seil an das Rohr haben sich die Designer und Ingenieure aus dem Berliner Creative Center etwas Spezielles einfallen lassen: Mit Hilfe des patentierten Charlotte-Connectors verschwindet das Seilende im Inneren des gebogenen Stahlrohres und wird so ohne sichtbare Verpressungen oder Haken in der Rohrstruktur verankert. Die Seilenden lassen sich kinderleicht einbauen, justieren und sogar nachspannen. 

Wie beim Twist besteht auch bei der Arch Swing ein großer Vorteil darin, dass die Schaukel von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden kann. „Nestschaukeln, die ursprünglich zu Therapiezwecken entworfen wurden, sind nicht nur bei vielen Kindern beliebt, sondern die großzügige Liegefläche erlaubt oft auch ein gemeinsames Schaukeln von Kindern mit und ohne Behinderung“, weiß Maria Feske. Als Psychologin und staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin leitet sie einen Tagesförderbereich für Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen in Berlin und berät den Hersteller seit vielen Jahren bei der Realisierung inklusiver Spielplätze. „So kann ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Kindern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Entwicklungsstufen entstehen.“ Dank eines barrierefreien Fallschutzbodens aus wasserdurchlässigem Kunstrasen sind die Spielgeräte alle von Personen im Rollstuhl erreichbar.

Das gilt auch für die drei Trampoline, die ebenerdig auf dem östlichen Teil des Spielplatzes eingelassen sind und zahlreiche zusätzliche Bewegungsmöglichkeiten bieten. Die Geräte zeichnen sich nicht nur durch ein gelenkschonendes Sprung-, sowie ein angenehmes Fall- und Landeverhalten aus, sondern sie sind optimal auf den Körper heranwachsender Kinder abgestimmt. Neben dem klassischen „Hüpfen“ eignen sie sich ideal für Fitnessübungen, wodurch der Spielplatz generationsübergreifend attraktiv ist. 

Die Bauphase des Spielplatzes am Pauliner Kirchplatz fand unter eher widrigen Bedingungen statt, erinnert sich Ulrike Voges: „Nachdem im August 2019 der erste Spatenstich getätigt wurde, mussten die Bauarbeiten sogleich zwischen September 2019 und Anfang Februar 2020 aufgrund umfangreicher archäologischer Grabungen wieder eingestellt werden.“ Zwar hatte der Entwurf eine Anhebung des Platzes vorgesehen, um möglichst wenig in die ehemaligen Friedhofs-Schichten vorzudringen. Doch in nicht einmal 30 cm Tiefe wurden bereits zahlreiche menschliche Skelette gefunden. Dokumentiert wurden insgesamt 121 archäologische Befunde, darunter knapp 90 Gräber, die ganz oder in Teilen freigelegt wurden. Hinzu kommen eine Knochengrube und Reste des ehemaligen Beinhauses des Friedhofs, wo bereits früher freigelegte Knochen deponiert wurden. Außerdem fanden die Archäologen die Grundmauern einer früheren Sakristei, die einen wichtigen Beitrag zur Baugeschichte der Kirche geliefert haben. 

Im April diesen Jahres konnte der Spielplatz trotz Corona-Pandemie fertig gestellt werden. Als die Spielplätze der Stadt Göttingen ab dem 6. Mai unter Auflagen sukzessive wieder geöffnet wurden, war die Freude bei den Kindern groß: „Die große Kletterschleife finde ich ganz toll“, sagt die neunjährige Selin gegenüber dem Göttinger Tageblatt, als sie zusammen mit Ihrer Freundin über den Twist klettert. Und Birte Rensow, Fachdienstleiterin Grünflächen bei der Stadt Göttingen ist ebenfalls zufrieden: „Wie schön, dass wir den Spielplatz am Pauliner Kirchhof nun eröffnen dürfen und den Kindern mit dem neuen attraktiven Spielangebot eine Freude machen können“.

 

 

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(Erster Beitrag erschienen in der Playground and Landscape Ausgabe 4 / 2019).