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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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17.08.2020 - Ausgabe: 4/2020

Aufwertung eines Spielplatzes – Ergebnis eines mehrstufigen Beteiligungsverfahrens mit Kindern und Jugendlichen in Berlin-Gropiusstadt

Von Thorsten Vorberg (Quartiersmanagement Gropiusstadt, S·T·E·R·N Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH)

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©Quartiersmanagement Gropiusstadt, S·T·E·R·N Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH

Die Berliner Bevölkerung wächst, und damit wachsen in quantitativer und qualitativer Hinsicht auch die Bedarfe an Infrastrukturen. Der anhaltende Entwicklungstrend einer gestiegenen Bevölkerungsdichte ist längst in den Stadtteilen am Stadtrand und selbst in jenen spürbar, die sogenannte besondere Entwicklungsbedarfe aufweisen. Die Gropiusstadt, als Großwohnsiedlung in den 1960ern und 1970ern erbaut, ist ein solcher Stadtteil. Dem Ort haftet seit Jahrzehnten ein negatives Image an, obwohl sich bereits seit den 2000er Jahren vieles zum Positiven entwickelt hat. Der überwiegende Teil der Bewohnerschaft lebt gerne in der Gropiusstadt, wozu die gute Nahversorgung, das Wegenetz und Freiflächenangebot im Grünen, die gut geschnittenen Wohnungen und die umfängliche soziale Infrastruktur beitragen.  

 

Mehr Grünflächen für mehr Menschen sind von Nöten

Die Wohnungsunternehmen investieren im großen Stil in den Erhalt ihrer Gropiusstädter Bestände, Grünflächen werden erneuert und neue Wohnungen gebaut. Neue Wohnungen bedeuten aber auch einen steigenden Nutzungsdruck auf die Grün-, Spiel- und Freiflächen. Laut Berliner Kinderspielplatzgesetz wird die Zielmarke verfolgt, pro Einwohner*in einen Quadratmeter Spielfläche zu schaffen. Dieser Prämisse folgend, beläuft sich das Defizit an entsprechend ausgewiesenen Flächen auf öffentlichem Grund in der Gropiusstadt auf 23.000 Quadratmeter. Dieses Defizit wird sich im Zuge des aktuellen Wohnungsneubaus weiter verschärfen. 

Seit 2005 betreut die S·T·E·R·N Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH im Rahmen des Städtebauförderprogramms Soziale Stadt das örtliche Quartiersmanagement (QM) Gropiusstadt. Vor dem Hintergrund von Freiflächenverlusten und Bevölkerungszuzug führte das QM im Sommer 2017 eine Beteiligungsmaßnahme mit Kindern und Jugendlichen in der Gropiusstadt durch. Ziel war zu erfahren, was sie zum Thema Grün- und Freiflächen bewegt und welche Angebote sie sich für Spiel, Sport und Freizeit wünschen. 

Dabei war dem QM-Team von Beginn an besonders wichtig, nicht nur Ideen zu sammeln, sondern auch Geld bereitzustellen, um die Vorschläge der Kinder und Jugendlichen auch umsetzen zu können. Dieses Geld wurde aus den Fördermitteln des Städtebauförderprogramms Soziale Stadt zur Verfügung gestellt. Sein Einsatz und die anvisierten Ziele werden regelmäßig gemeinsam mit den öffentlichen Verwaltungen auf Senats- und Bezirks-Ebene sowie einem Bewohnergremium festgelegt. 

 

Kinder und Jugendliche wissen am besten, was sie brauchen

Das Team des Quartiersmanagements organisierte die Beteiligung der Zielgruppe, indem es drei lokale Schulen – Schule am Zwickauer Damm, Hugo-Heimann-Schule und Janusz-Korczak-Schule – als Partner gewann. In dieser Zusammenarbeit gelang es, Heranwachsende anhand eines altersgerechten Fragebogens nach ihren bevorzugten Orten im Freien und nach Verbesserungswünschen zu befragen. Dadurch, dass die Kinder zuvor im Unterricht auf das Thema Grün- und Freiflächen- bzw. Stadtteilentwicklung vorbereitet wurden, fiel es ihnen leichter, die Fragen zu beantworten. Im Ergebnis konnten 267 Fragebögen vom QM-Team ausgewertet und anschließend mit den bezirklichen Fachämtern besprochen worden.

Im Fragebogen waren auf einer Karte Spielplätze und andere Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum aufgeführt, die als persönliche Lieblingsorte benannt werden konnten, und es war auch möglich, eigene Lieblingsorte zu nennen bzw. in die Karte einzuzeichnen. Als beliebter Ort nahm der Spielplatz an der Lipschitzallee/Ecke Sollmannweg in der Rubrik Spiel- und Bolzplatzflächen den vierten Platz ein. Gleichzeitig wurde er als besonders verbesserungswürdig bewertet. 

Das Areal ist mit über 1.700 Quadratmeter relativ groß, stellt damit eine zentrale Spielfläche dar, und ist durch Vegetation zur Straße hin geschützt. Zum Zeitpunkt der Befragung existierten lediglich drei ältere Spielgeräte (Holzschiff, Kletteranlage, Wippe) und ein kleiner, nicht eingezäunter Bolzplatz mit gepflastertem Untergrund. Auf derselben Fläche befand sich eine Basketballanlage, die nur eingeschränkt nutzbar war, da der Basketballkorb fehlte. Der gesamte Spielplatz war mit Spielsand versehen, befestigte Wege existieren nicht. Der Sand erschwerte das Laufen und machte gleichzeitig die Nutzung des Bolzplatzes auf Grund der Rutschgefahr riskant. Die großen Sandflächen erzeugten zudem einen wenig einladenden Eindruck. Die Vielfalt an Spielmöglichkeiten war also sehr reduziert. Der Spielplatz befindet sich zwar im privaten Eigentum, ist aber öffentlich zugänglich, weshalb seine Umgestaltung mit öffentlichen Fördermitteln möglich war.

Als weiteres Ergebnis ging aus der Befragung hervor, dass bei den Kindern vor allem Mannschaftssportarten (insbesondere Ballspiele), Fang- und Rennspiele sowie Skaten und Roller- bzw. Fahrradfahren beliebt sind, ebenso Klettermöglichkeiten. Aber auch das Fehlen von ausreichender Beleuchtung, Abfallbehälter und Sitzmöglichkeiten wurde erwähnt. 

 

Die Umgestaltung rückt näher

Bestärkt durch die konstruktiven Vorschläge der Kinder und Jugendlichen präsentierte das QM-Team dem Eigentümer des Spielplatzes, dem Wohnungsunternehmen Gropiuswohnen, die Ideen zur Neugestaltung. Gropiuswohnen zeigte sich gegenüber dem Wunsch nach Verbesserung und Erneuerung des Spielplatzes an der Lipschitzallee aufgeschlossen und folgte in weiten Teilen den Vorschlägen aus der Befragung. Das Wohnungsunternehmen war zudem bereit, zu den öffentlichen Fördermitteln aus dem Programm Soziale Stadt einen hohen Eigenanteil beizusteuern, der weit über die geforderte finanzielle Beteiligung von 10 Prozent hinaus ging. Durch die Beantragung zusätzlicher Mittel aus dem Städtebauförderprogramm Zukunft Stadtgrün wurde eine vollständige Umgestaltung des Spielplatzes möglich. Insgesamt war die Finanzierung aus öffentlicher und aus privater Hand in etwa ausgeglichen. 

Der Eigentümer erteilte dem auf Spielflächen und Beteiligung von Kindern spezialisierten Landschaftsarchitekturbüro Teichmann (Berlin) den Auftrag, eine umsetzungsfähige Planung zu entwickeln und die Ausschreibung, Vergabe und Bauüberwachung zu übernehmen. Auf Basis der Befragungsergebnisse wurde daraufhin das Gelände überplant. 

 

Jugendliche und Profis ziehen an einem Strang 

Auch während des laufenden Planungsprozesses waren sowohl die an der Befragung beteiligten Schulen als auch weitere Kinder sowie Mitarbeiter*innen der umliegenden Kinder- und Jugendeinrichtungen immer wieder mit einbezogen. In einer durch das QM organisierten Veranstaltung im November 2018 stellte das Büro für Landschaftsarchitektur den Planungsstand öffentlich vor und nahm weitere Hinweise und Verbesserungsvorschläge auf.  

Einige Vorschläge kamen von der Minecraft-AG des örtlichen Jugendclubs UFO. Das QM hatte mit der AG eine weitergehende Beteiligung initiiert. Die 11- bis 14-Jährigen entwickelten den Spielplatz Lipschitzallee auf Basis der Befragungsergebnisse mit Hilfe des digitalen Konstruktionsspiels Minecraft  weiter und erstellten ein Video,   das die Betrachter*innen über das von den Jugendlichen neu gedachte Gelände führt. 

Erfreulicherweise wiesen die Vorschläge der Landschaftsarchitekten und jene der Minecraft-AG große Übereinstimmungen auf. Mit Blick auf die Realisierbarkeit prüfte das Planungsbüro die Anregungen der Jugendlichen und nahm beispielsweise die Errichtung von Fahrradabstellanlagen, von Sitzgelegenheiten und die Bepflanzung mit Blühpflanzen in die Planungen auf.

Der Austausch im Rahmen der Veranstaltung stellte für alle Beteiligten einen Gewinn dar: Perspektiven wurden gewechselt, Planungsprozesse und Abläufe geschildert, Verständnis sowohl für Bedürfnisse als auch für einhegende Rahmenbedingungen gesteigert. 

 

Wenn die Bagger rollen… und Partner bleiben

Im März 2019 begannen schließlich die Bauarbeiten. Für jene Kinder, die im Schuljahr 2017/2018 an der Befragung teilgenommen hatten, war bis zu diesem Zeitpunkt viel Zeit vergangen, und einige von ihnen hatten bereits die Schule gewechselt. Ein so großes Vorhaben mit knapp einer halben Millionen Euro Brutto-Bauvolumen unter Einsatz öffentlicher Fördergelder benötigt eben einigen Vorlauf. In enger Abstimmung zwischen ausführenden Firmen, Planungsbüro, Eigentümer, Bezirksamt und Quartiersmanagement gelang es jedoch, die bauliche Umsetzung ohne Verzögerungen schnell voranzutreiben, um den Spielplatz noch in der warmen Saison den Kindern zu übergeben.

Von vornherein wurde Wert daraufgelegt, dass der Spielplatz von zukünftigen Nutzer*innengruppen gut angenommen wird. Der vorhandene Kontakt zum Basketball-Erstligisten ALBA Berlin, der bereits mit einem Kita-Schule-Projekt in der Gropiusstadt die Bewegungsförderung von Kindern unterstützt, wurde genutzt, um sich bei der Gestaltung eines neuen Streetballfelds beraten zu lassen. Dabei äußerte ALBA Berlin seine Bereitschaft, auf der fertiggestellten Streetballfläche Aktivitäten anzubieten – ein Angebot, das von allen Projektbeteiligten begeistert aufgenommen wurde, da es für die Belebung des Ortes sorgt und die Kinder und Jugendlichen an den Sport heranführt.

Ein weiteres gelungenes Element, das den Spielplatz zu einem attraktiven Kommunikations- und Aufenthaltsort macht, ist ein polygonales zweistufiges Sitzpodest. Für dessen Gestaltung und farbliches Finishing war eine Gruppe von Grundschüler*innen der benachbarten Hugo-Heimann-Schule verantwortlich. Angeleitet wurden sie von ihrer Kunstlehrerin und einen Künstler. Möglicherweise werden die Schüler*innen nicht nur wegen der spannenden Spielmöglichkeiten, sondern auch wegen ihres eingebrachten Engagements in der nächsten Spielplatzsaison gerne wieder zu „ihrem“ Ort zurückkehren.

 

Ein erfolgreicher Abschluss

Nach nur weniger als einem halben Jahr Bautätigkeit ist an der Lipschitzallee/Ecke Sollmannweg eine abwechslungsreiche Spiel- und Freizeitfläche entstanden. Unter Erhalt der vorhandenen Strukturen, wie Zugänge, Beet-Einfassungen und Vegetation, aber unter Beseitigung des größten Teils der Sandflächen wurden vielfältige Spiel- und Sportangebote für die Altersgruppe der 8 bis 14-Jährigen umgesetzt. Genutzt werden können nun Schaukel-, Rutsch-, Skate-, Kletter-, Tischtennis-, Streetball- und Bolzmöglichkeiten. Die Gesamtfläche ist in Teilräume gegliedert, was die Entdeckung der Spielmöglichkeiten spannender macht und zu einer gewissen Entzerrung der Nutzungen beiträgt. So vermeidet die räumliche Trennung des Streetball- und des Bolzangebots Konflikte zwischen den ballspielenden Kindern. Verschiedenartige Sitzmöglichkeiten erlauben Erholung und Kommunikation. Über einen das Gelände durchziehenden Weg lässt sich nicht nur spazieren, sondern er ermöglicht auch den kleineren Kindern Laufrad- oder Fahrradfahren.

Eine solch umfassende Umgestaltungsmaßnahme wurde natürlich auch gebührend gefeiert. Eingeweiht wurde der neu gestaltete Spielplatz am 18.September 2019 vom Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel sowie den beiden Stadträten Falko Liecke (Ressort Jugend) und Jochen Biedermann (Ressort Stadtentwicklung). Weitere Redner*innen waren die Bezirksbeauftragte für Menschen mit Behinderung, der Geschäftsführer der Gropiuswohnen, die Inhaberin des beauftragten Büros für Landschaftsarchitektur und die Teamleiterin des örtlichen QMs Gropiusstadt. Wie gut das Spielplatz-Konzept funktioniert, das haben die etwa 30 teilnehmenden Kinder bereits am Einweihungstag durch ihr ausgelassenes Spielen und das von ALBA Basketball angeleitete Streetball-Angebot bewiesen.

 

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