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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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15.10.2020 - Ausgabe: 5/2020

Nachhaltige Erneuerung des Anton-Saefkow-Parks: ein Bewegungsraum, der nicht nur einen Nerv trifft

Von Martin Gessinger (TraceSpace GbR) und Planergemeinschaft eG, A. Stahl

Photo
©TraceSpace GbR

Der Anton-Saefkow-Park am östlichen Rand des Fördergebiets Prenzlauer Berg war trotz seiner Größe eine wenig genutzte Grünfläche, mit Ausnahme der beiden Spielplätze, die 2014 mit Stadtumbaumitteln aufgewertet wurden. Die teils verwilderten Flächen waren auch bei Sporttreibenden und als inoffizielles Hundeauslaufgebiet beliebt. Angesichts des großen Zuzugs junger Familien in den letzten Jahren soll das Potenzial dieser grünen Lunge besser ausgeschöpft werden. Deshalb wurde der Park mit Fördermitteln des Stadtumbaus in drei Bauabschnitten saniert und weiter aufgewertet.

Als Bauherr fungierte das Bezirksamt Pankow von Berlin (Straßen- und Grünflächenamt). Die Gesamtplanung übernahmen Henningsen Landschaftsarchitekten PartG mbH. TraceSpace unterstützte ihre Arbeit in der Leistungsphase III mit der Entwurfsplanung eines Teilbereichs, der für Parkour vorgesehen war.

Für die Konzeption wurden bei Kiezspaziergängen und Workshops Ideen und Wünsche der Anwohnerschaft gesammelt und in die Planung eingearbeitet.

Um den Park besser in das städtische Umfeld einzubinden und den Zugang für Menschen aus den dicht bebauten Wohnquartieren des Prenzlauer Bergs zu erleichtern, wurden im ersten Bauabschnitt bis Herbst 2018 die Parkeingänge an der Anton-Saefkow-Straße übersichtlicher, attraktiver und barrierearm gestaltet. Wege, Treppenanlagen und Mauern wurden erneuert, Bäume und Gehölze ausgelichtet, Bänke und Fahrradbügel ergänzt.

Eine im Stadtraum besonders sichtbare Maßnahme war die Überarbeitung des Brunnenplatzes und des angrenzenden Parkbereichs an der Greifswalder Straße. Der zuvor von dichten Gehölzen verdeckte Brunnen "Knabe mit Fisch" ist nun wieder im Stadtraum sichtbar. Auf der Grünfläche wurden zusätzliche Wege angelegt, die sich an den jahrelang etablierten wilden Pfaden orientieren.

Auch die grüne Wegeverbindung von der Greifswalder Straße in Richtung Bötzowstraße wurde erneuert. Zuvor stark geschädigte Wege wurden neu angelegt und mit heller wassergebundener Wegedecke ausgestattet. Im letzten Abschnitt wurde der innere Parkbereich rund um den Trümmerberg mit seinen Wiesen, dem Spielplatz und dem Rondell aufgewertet. Von besonderer Bedeutung war die barrierearme Erneuerung der Wege. 

In Nähe der Kniprodestraße wurden am Rundweg um die zentrale Wiese Fitnessgeräte für Bauch- und Rückentraining aufgestellt. Weitere Tischtennisplatten im Bereich des Kinderspielplatzes sowie Sitzgruppen mit Tischen an seinem Rand ergänzen das Angebot. Als zentrales Element entstand eine attraktive Parkouranlage

 

Parkour im Anton-Saefkow-Park

Wieso gibt es so wenig attraktive Räume in der Stadt, die explizit für Bewegung ausgelegt sind und kreative und vielseitige Nutzung zulassen? Sollen sich Jugendliche und Erwachsene nicht mehr erkundend und spielerisch der Bewegung nähern oder Bewegungsherausforderungen meistern? Ist „Sport“ mit festen Regeln und normierten Räumen die einzige Möglichkeit?  Antworten bietet der neu eröffenete TraceSpace-Parkour im Volkspark Anton Saefkow. 

Parkour entstand in den Pariser Vorstädten, auch aus Mangel an geeigneten Bewegungsräumen, unmittelbar an der Architektur der Vorstädte - die futuristischen Gestaltungselemente aus Plateaus, Betonarchitektur, verwinkelten Ebenen, Treppen und Gängen boten einen Ausweichpunkt. So entwickelte sich Parkour als eine kreative Anpassung an den Mangel von Bewegungsräumen und gestaltete gleichzeitig ein radikal neues Denken im Umgang mit den tatsächlichen Eigenschaften der Objekte und Gestaltungselemente, statt deren vorgesehener Funktion. 

„Was macht also einen gelungenen Bewegungsraum in Berlin aus? Wie gelingen Parkourparks, die auch andere Bewegungskünstler_innen, Sportler_innen und aktive Menschen anziehen? Welche Möglichkeiten gibt es, Spielplätze nicht nur für Kinder, sondern für jede Altersgruppe zu gestalten? Wie gelingt eine abwechslungsreiche, originelle und dabei funktionale Bewegungsraumgestaltung, die auf generische Gestaltungselemente weitestgehend verzichtet und dabei trotzdem den Erwartungen der Nutzer_innengruppen gerecht wird?“ - fragte sich Martin Gessinger, Begründer von TraceSpace vor der Planung.

Der realisierte Bewegungsraum entspricht in seiner Form einer klassischen, rechteckigen Spielinsel und ist auf drei Seiten umgeben von hohen Gehölzen und Bäumen. Der Zugang erfolgt von einer Längsseite, die zur optischen Abgrenzung mit einen hüfthohen Stabmattenzaun versehen wurde. 

Durch die abgegrenzte Insellage hat sich TraceSpace bei der Zonierung des Bewegungsraumes für einen sanften Anstieg der Objekthöhen, sowie der damit verbundenen graduellen Steigerung der Komplexität in Nutzung und Gestaltung, zum Zentrum des Platzes, entschieden - das Relief ist daher hügelförmig und fügt sich gut in die Umgebung ein. Durch diese Art der Komposition ist es möglich, effizient mit den Vorgaben zur Fallschutzsicherheit zu arbeiten und es ergeben sich bei der Planung weniger Probleme bei Fallräumen oder auch den Abständen zwischen den einzelnen Hindernissen und Objekten.

Das Design dieses Bewegungsraumes lässt sich in vier Zonen einteilen: Außenzone, Holzgerüst, Metallgerüst und Zentralzone. Bevor die einzelnen Zonen kurz in Aufbau und Anwendungspotential erklärt werden, noch etwas zum Gesamtaufbau: Alle Zonen, Segmente und Objekte hängen planerisch zusammen und sind in ihrem Aufbau einzigartige Strukturen. Sie beziehen sich sowohl aus Gründen der Sicherheit und Ästhetik, als vor allem auf Grund von inhaltlichen Qualitäten aufeinander. Mit Qualitäten sind die Anwendungspotentiale für die oben erwähnten Zielgruppen gemeint, die oft ganz maßgeblich davon abhängen, die richtigen Abstände, Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Verdichtungen und Entzerrungen der verwendeten Strukturen zu wählen. Dies gewährleisten wir durch in erster Linie durch die eigene Bewegungserfahrung als Traceure und durch den intensiven Kontakt mit den verschiedenen anderen Nutzer_innengruppen.

Die Außenzone umschließt den gesamten inneren Bereich des Platzes und besteht aus niedrigen Objekten wie Stangen, Findlingen, Robinienposten und kleinen Mauerelementen. Sie bieten Möglichkeiten zum Balancieren, Springen, sowie für bestimmte Fitnessübungen. Die Hindernisse sind zusammenhängend gedacht und ermöglichen zum Beispiel einen „Rundgang“, ohne den Boden zu berühren.

Die Zone des Holzgerüstes ist primär mit Robinienholz gestaltet und integriert an drei Stellen Plattformen. Die Gestaltung schließt außen über einzelne, kleiner werdende Palisaden an die Außenzone. Die Hauptnutzung liegt hier im Bereich des Kletterns und Springens und die komplexe Gestaltung erlaubt auch erfahrenen Traceuren (Parkourausübende) eine Vielzahl an Trainingsmöglichkeiten.

Die Metallgerüst-Zone stellt in ihrer Gestaltung wahrscheinlich den ungewöhnlichsten Designpart des Platzes dar, in dem schräge, auf den Boden zulaufende Stangen an senkrechtes Ständerwerk angefügt werden und viele der verwendeten Abzweigungen und Bögen des verzinkten Strahlrohrs vollkommen zufällig wirken. Gerade hier wird Funktionalität für zum Beispiel Outdoorfitness-Ansprüche mit dem kreativen Ansatz der Parkourperspektive verknüpft.  

Der Zentralbereich besteht im Hauptteil aus sandfarbenen Ziegelmauern, die die Farbgestaltung des Streetball-Courts aufnehmen und welche sich durch die Übernahme von Holz- und Stahlrohr-Elementen aus den angrenzenden Zonen in das Gesamtkonzept integrieren. Dieser Bereich ist in Höhe und Ausdehnung am umfangreichsten und wird mit seinen diversen Ausprägungen der Mauerelemente dem Bedarf der Traceure an vielseitige Bewegungsräume gerecht und ist dabei klar genug gestaltet, um auch den unerfahrenen Besuchern Bewegungsherausforderungen anzubieten.

 

Fazit

Mit diesem Projekt im Anton-Saefkow-Park wurde eine innovative und zielgruppenübergreifende Bewegungsfläche geschaffen. Mit über 400 m², eingebettet in eine große Parklandschaft, ermöglicht dieser TraceSpace im Herzen Berlins Kindern und Jugendlichen, Traceuren sowie Calisthenics- und Outdoorfitnesssportler_innen einzigartige Bewegungsmöglichkeiten. Geplant und geprüft wurde nach der Parkournorm (DIN EN 16899).

Bereits jetzt ist klar, dass sich dieses TraceSpace-Design sehr großer Beliebtheit erfreut. Von Kinder- und Reisegruppen, die extra diesen Platz zum Bewegen ansteuern, über Outdoorfitness-Teams und Einzelkämpfer_innen, bis hin zu Traceuren, die aus ganz Deutschland hierher kommen, um daran zu trainieren - der Bewegungsraum hat nicht nur einen Nerv getroffen.

 

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