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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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15.10.2020 - Ausgabe: 5/2020

Der Ninja-Warrior-Spielplatz

Von Christian Loderer (plancontext gmbh landschaftsarchitektur bdla)

Photo
©Christo Libuda (Lichtschwärmer)

In Berlin wurde im Dezember 2019 der Spielplatz „Else“ nach Umgestaltung und grundlegender Sanierung feierlich eingeweiht. Er verbindet einen künstlerischen Ansatz mit einem sportlichen Trend: Rote elliptische Formen bilden einen eingeständigen und markanten Ort, der sich selbstbewusst in einer Baulücke behauptet. Die Spielellipsen schaffen innovative Aktionsangebote, die eine besondere sportliche Herausforderung darstellen. Vorbild sind die aus dem Fernsehen bekannten und beliebten Parcours-Shows wie Ninja Warrior. Mit Kraft, Ausdauer, körperlicher und mentaler Stärke treten dort sportliche Kandidaten in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. 

 

Bezirk im Wandel

Der Spielplatz Else liegt im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg in unmittelbarer Nähe zur Kurfürstenstraße. Diese war über Jahrzehnte vor allem als Revier des Rotlichtmilieus bekannt. Der Spielplatz wurde 1985 angelegt und war inzwischen in seiner Ausstattung und Gestaltung stark sanierungsbedürftig. In den vergangenen Jahren hatte er durch Presseberichte eine traurige Berühmtheit erlangt, da er sich als Rückzugsort für die Ausübung der Straßenprostitution und des Drogenkonsums etabliert hatte. Von einem „Sex-Spielplatz“ war die Rede. 

Das Quartier ist aber gerade durch seine Vielfalt und Toleranz sowie das meist harmonische Nebeneinander von Straßenstrich, nahe gelegenem Homo-Kiez, bürgerlichem Wohnviertel, Einzelhandel, Kindergärten und Galerien sehr beliebt. Wie so oft ziehen Trendviertel Investoren an. Durch eine Reihe hochpreisiger Neubauprojekte entstand bei den Anwohnern in den letzten Jahren die Angst vor Wandel und Verdrängung. 

Eine sensible Gestaltung des Platzes war in diesem Spannungsfeld besonders wichtig. Die Umgestaltung des Spielplatzes hatte zum Ziel, den Kindern und Jugendlichen einen festen und sicheren Platz im Stadtgefüge zu geben. Er sollte durch seine Gestaltung und die Spielangebote die Vielfältigkeit und Buntheit des Ortes unterstreichen. 

 

Ausgangslage

Durch die Quartiersentwicklung entstand die Chance, den Platz für Kinder und Jugendliche wieder sicher und attraktiv zu gestalten. Der Spielplatz befand sich auf einem privaten Grundstück der ehemaligen polnischen Botschaft und war nur angemietet. Durch ein Neubauvorhaben unmittelbar neben dem Platz konnte 2016 der bislang dem Grundstück zugehörige Spielplatz in Bezirkseigentum übergehen. Dazu wurde mit dem Investor eine entsprechende Vereinbarung  getroffen. Der Spielplatz konnte damit dauerhaft in seinem Bestand gesichert werden.

Dem Bezirk gelang es anschließend für das Bauvorhaben Fördermittel aus dem Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“ des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) zu erhalten. Insgesamt belaufen sich die Projektkosten auf 691.045,21 € brutto, davon wurden 591.891,86 € über das Investitionspaket bereit gestellt. Für den Rest wurden andere Förderungen in Anspruch genommen. Auftraggeber war das Straßen- und Grünflächenamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin, das sich zukünftig auch um den Unterhalt und die Pflege der Anlage kümmern wird.  

 

Gestalterischer Ansatz: Else Lasker-Schüler

Der Spielplatz liegt an der Else-Lasker-Schüler-Straße. Diese ist nach einer avantgardistischen Dichterin und Zeichnerin (1869 bis 1945) benannt, die unweit des Geländes wohnte. Sie wurde für ihren Ideenreichtum und Andersartigkeit geliebt, aber auch verspottet und schließlich vertrieben. Damit ist Else Lasker-Schüler eine ideale Repräsentantin und gleichzeitig Mahnerin für den Erhalt der Weltoffenheit und Toleranz des Kiezes. 

Ihre Erzählungen spielen in Traumwelten. Inspiriert von ihren Gedichten haben wir eine moderne, aber weitgehend abstrakte Fantasiewelt entworfen. Sie soll die Kreativität des Einzelnen herausfordern und es jedem Besucher frei lassen, selbst neue Traumwelten zu erfinden.

Gleich am ellipsenförmigen Eingangstor empfängt die Besucher das Zitat „Ich habe zu Hause ein blaues Klavier - Und kenne doch keine Note.“, welches aus einem ihrer bekanntesten Gedichte „Mein Blaues Klavier“ stammt. Das „Klavier“ finden die Besucher an der Graffitiwand im hinteren Bereich des Spielplatzes wieder - als surrealistisch wirkende Sitzskulptur aus Beton. Eine kleine Tafel am Eingang mit einem kurzen Abriss ihres Lebens soll zudem das Andenken an Else Lasker-Schüler wach halten.

 

Spielerischer Ansatz: Ninja Warrior

Zunächst wurden im Rahmen eines Interessenbekundungsverfahrens mehrere Landschaftsarchitekturbüros eingeladen. Im Laufe des Verfahrens hat sich das Bezirksamt dazu entschlossen, einen schon existierenden Vorentwurf von 2015 nicht weiter zu verfolgen, sondern hatte den Mut, an diesem besonderen Standort einen innovativen, unkonventionellen Ansatz zuzulassen.Die Umgestaltung wurde von einer intensiven Einbeziehung der Öffentlichkeit begleitet. 

Eine Informationsveranstaltung im nahe gelegenen Gemeindezentrum der evangelischen Zwölf-Apostel-Kirche bot allen Anwohnern erste Einblicke in die Planung. Die überwiegend älteren Veranstaltungsbesucher konnten der Neugestaltung viel Positives abgewinnen, mahnten aber Maßnahmen gegen Lärm und unangepasste Jugendliche an. Ein teilnehmender Sozialarbeiter des Jugendhilfevereins „Outreach“  konnte die Bedenken durch den Verweis auf ähnlich strukturierte Plätze in der näheren Umgebung teilweise zerstreuen. Dort komme es kaum zu Nutzungskonflikten zwischen den verschiedenen Altersgruppen und zu keinem nennenswerten Vandalismus. 

Die Teilnehmer befürchteten außerdem, dass sich der Straßenstrich trotz Neugestaltung des Spielplatzes dort wieder etablieren würde. Ihnen wurde jedoch vom Grünflächenamt zugesichert, dass ein rund 2,5 Meter hoher Zaun zur Straße und ein Schließdienst, auch zukünftig erhalten bleibe. 

Durch den unmittelbar angrenzenden Neubau entstehe zudem eine stärkere soziale Kontrolle, als auf der bisherigen Brache. 

Zur Diskussion der konkreten Spielinhalte wurden an einem weiteren Termin Vertreter des Kinder- und Jugendparlaments des Bezirks eingeladen. Nur zwei Jugendliche nahmen teil, mit ihnen wurden aber inhaltliche Planungsalternativen und Ausstattungen sehr konstruktiv diskutiert. Ihre Ortskenntnisse und Einschätzungen zu Defiziten in der Umgebung waren wertvolle Hinweise bei der Gestaltung. Die Idee eines Bewegungsparcours nach dem Vorbild von „Ninja Warrior“ traf sofort auf Begeisterung. Gewünscht wurden unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und die Möglichkeit zum „Ganzkörpereinsatz“. Wichtig waren auch größere sportliche Herausforderungen – das Angebot auf den meisten Spielplätzen würde gerade Jugendliche oft unterfordern. Daraus entstünden Langeweile und Frust. 

 

Entwurf

Das Gelände ist rund 1.640 m² groß. Es wurden Spielangebote für verschiedene Altersgruppen geschaffen, die das Spektrum von Kleinkindern bis zu Jugendlichen abdecken. Der Spielplatz ist nun gut einsehbar, weil Sträucher und die Berankungen am neuen Bolzplatz entfernt wurden. Unnötige Einzäunungen und Aufkantungen der Pflanzflächen wurden entfernt, um eine großzügige Wirkung der Anlage zu erzielen. 

Der Großteil der Ausstattung wurde speziell entwickelt. Blickfang ist das große „futuristische“ Hauptspielgerät, welches sich aus zwei elliptischen Plattformen zusammensetzt. Zum einen fordert eine schiefe Ebene den Gleichgewichtssinn heraus. Zum anderen bietet die Seilellipse eine Spielebene aus gekreuzt montierten Holzbohlen, auf denen in luftiger Höhe balanciert werden kann. Unterhalb dieser befinden sich zusätzlich unterschiedliche Elemente wie Seile, Tampen, Netze, Kletterstangen, Hangelringe und Sprossenleitern, die einen spannenden Hindernisparcours ergeben und den Wechsel zwischen der oberen und unteren Spielebene ermöglichen. Die schiefe Ebene und Seilellipse sind durch eine sehr hohe Tampenbrücke miteinander verbunden, welche eine besondere Herausforderung darstellt und den Wechsel zwischen beiden Plattformen ermöglicht.  

Beide Geräte bieten sportliche Angebote für Calisthenics bzw. Freestyle. Hangeln, Klettern, Erklimmen, Kräftemessen, Rutschen, Baumeln und andere Spielabläufe werden hier kombiniert. Entsprechend viele Kinder und Jugendliche können das Gerät gleichzeitig nutzen - für sich alleine oder im Miteinander. Verschiedene weitere Auf- und Abstiegsmöglichkeiten- wie Rutschen und Kletterstangen bieten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, sodass jedes Kind das Gerät nach seinen individuellen Fähigkeiten nutzen kann. 

Nördlich angrenzend an das Gelände des Spielplatzes befindet sich eine Kindertagesstätte mit direktem Zugang zum Platz. Der Spielbereich für Kleinkinder wurde deshalb in diesem hinteren und ruhigeren Bereich der Fläche angelegt. Eine wellige, elliptische Einfassung bildet eine Sitzkante und lädt zum Balancieren ein. Sie schafft einen geschützten Sandspielbereich für die Kleinsten. Ein Spielhaus mit Rutschenpodest erweitert dieses Angebot.

Die Spielangebote werden durch eine Nestschaukel, Federwipper, Tischtennisplatten sowie große aufrechtstehende Ellipsen mit verschiedenen Funktionen ergänzt.

Sitzgelegenheiten gibt es am umlaufenden Weg. Sitzpodeste um Bestandsbäume herum und eine „Sitzellipse“ schaffen Treffpunkte. 

 

 

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