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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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03.12.2020 - Ausgabe: 6/2020

Neue Spielanlagen für die Springsiedlung in Berlin-Kreuzberg

Von Vanessa Markus, Ulrich Paulig, Ariane Freund, Claus Herrmann

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© Marcus Witte

Eine Spielanlage muss in einer Großsiedlung mit mehreren tausend Einwohnern sehr viel können. Sie soll ansprechend aussehen, einen hohen Aufforderungscharakter haben und damit alle Altersgruppen ansprechen. Das Spielkonzept sollte den Wiedererkennungswert der Wohnanlage unterstützen, ein Treffpunkt für alle BewohnerInnen der Großsiedlung sein und ein vielseitiges Spielangebot für Jung und Alt bieten. Und die Spielangebote müssen heute inklusiv sein. 

Die Spielplätze übernehmen in einer Wohnsiedlung in Berlins Mitte auch vielfältige soziale Aufgaben. Diese Spielangebote begleiten die BewohnerInnen über einen Zeitraum von über zwei Jahrzehnten und Kinder durch ihre Kindheit. Jede Entwicklungsstufe sollte berücksichtigt werden.

Mit der 2020 abgeschlossenen umfassenden Sanierung der in den frühen 1960er Jahren erbauten Großsiedlung in Berlin- Kreuzberg, ziemlich genau in der geografischen Mitte Berlins gelegen, wird von der Bauherrin Deutsche Wohnen und den beteiligten Planungsbüros eine an Nachhaltigkeitskriterien orientierte Verbesserung der Lebensqualität für alle angestrebt. Dies gilt insbesondere auch für die dort wohnenden Familien durch die Integration von zeitgemäßen und attraktiven Spielangeboten. 

Der Name „Spring“-Siedlung weist auf die finanzielle Unterstützung durch die USA Anfang der 1960er Jahre und zeigt eine für die Zeit typische 8-geschossige freie Zeilenbauweise mit hohem Grünflächenanteil. Diese „offene Bauweise“, im Gegensatz zu der sonst in Berlin üblichen geschlossenen Blockrandbebauung, ist in der Mitte Berlins selten und führt zu einem parkähnlichen Grünraum, der zum umgebenden Stadtraum sehr durchlässig ist. 

Das im Auftrag der Deutschen Wohnen von hochC Landschaftsarchitekten zwischen 2018 und 2020 realisierte Freiraumkonzept ist eine behutsame Anlehnung an die Charakteristik der Entstehungszeit. Typische zeitgenössische Gestaltungsmotive von Gebäuden und Freiraum, wie eine bunte Farbgebung der Balkone und Bodenbeläge, wurden in den neuen Gestaltungskanon integriert und zu einer nachhaltigen und zeitgemäßen Freiraumgestaltung weiterentwickelt.

 

Gebündelte Spielplätze

Fünf der in den vergangenen Jahren nicht mehr kindgerecht nutzbaren Spielplätze in der Springsiedlung hat hochC zu zwei zentralen Spielplätzen zusammengefasst. Die Aufgabe der gebündelten Spielplätze ist es auch, für die AnwohnerInnen neue Orte der Begegnung zu begründen und Orte des Miteinanders von Alt und Jung zu schaffen. Die Spielplätze betten sich in großzügige Grünflächen, blühende Wiesenflächen und landschaftliche Strauchpflanzungen ein. 

Ein weiterer „Bestandsspielplatz“ wurde mit ansprechenden Spielgeräten zu einem „Wiesenspielplatz“ umgestaltet, der seinen Namen den umliegenden Blühwiesen verdankt. Wegebegleitende Spielgelegenheiten und niedrigschwellige Balancierangebote für Jung und Alt sollen an vielen weiteren Orten der Springsiedlung zeigen, dass nicht nur explizite Spielplatzangebote wichtig sind. Auch „informelle“ Bewegungs- und Aktivitätsbereiche sollen auf spielerische Weise die Sinne anregen und zu individueller Bewegung und Aktivität einladen. Manchmal ist auch der Weg das Ziel.

 

Quartiersspielplatz

Im Kern der Siedlung findet sich der sogenannte „Quartiersspielplatz“, der sich harmonisch an einen bestehenden Pfad durch ein Birkenwäldchen angliedert. Dieser besteht aus geometrischen Spieltürmen mit unterschiedlichen Anbaurutschen und einer wegeüberspannenden Brücke, aus Netztunnel, Schaukeln, barrierefreier Sandbaustelle, Brücke mit Gefühlsduschen, Balancierstrecke, barrierefreiem Spielbereich und vielem mehr.

Die geometrische Formensprache der Spieltürme passt sich der landschaftsarchitektonischen Gestaltung der Gesamtanlage ebenso an wie das Farbkonzept. Der Spielwert ist sehr herausfordernd. Die Spieltürme sind in sich verschachtelt, bieten emotionale Spielangebote wie Enge und Weite sowie wechselnde Farbspiele durch farbige Plexiglasscheiben, die buntes Licht in das Innere der Spieltürme hineintragen. Es gibt Aufstiege mit sehr unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, bis hin zu in das Spielsystem eingespannten großen und kleinen Holzaufstiegsringen mit unterschiedlichen Belägen. Sie dienen der Wahrnehmung der Sinne und zur Förderung der Koordination. Die Highlights bilden die große gebogene Röhrenrutsche und der Seilnetztunnel über den Weg. 

Eine hohe gebogene Röhrenrutsche erhöht den Spielwert und den emotionalen Anspruch an das Rutschen, weil der Rutschenausgang nicht sichtbar ist. Kinder bezeichnen dies gerne als „Dunkelrutschen“. Die 360 Grad Kurve der Rutsche erhöht für die Kinder das subjektive Gefühl der Geschwindigkeit durch die Anpressung des Körpers an den äußeren Kurvenradius. 

Der Seilnetztunnel über den Weg fördert die Höhenerfahrung und die Koordination. Ein gebücktes und koordiniertes Hindurchkrabbeln ist zur Überquerung notwendig. Die Höhenerfahrung wird unmittelbar spürbar, weil man sich über den Köpfen der anderen sichtbar befindet.

Kinder mit körperlichen Einschränkungen können am Spielgeschehen teilnehmen, so können sie z.B. die Benutzung des Seilnetztunnels miterleben und Spielgeräte aktiv nutzen, wie das Rollstuhlpodest mit „Spiegelkabinett“, den Sandspielbereich mit seinen Umsitzpodesten in unterschiedlichen Höhen, sowie natürlich die mit Hilfe benutzbare Nestkorbschaukel. Für RollstuhlfahrerInnen wurde speziell um den Sandspielbereich ein „Pumptrack“ angelegt. Hierbei handelt es sich um eine Umfahrung, die als Rollfläche geeignet ist, jedoch mehr an eine „Offroad- Strecke“ erinnert und somit Herausforderungen in der Benutzung darstellt. Dies gilt natürlich nicht nur für RollstuhlfahrerInnen, sondern auch für Roller, Bobbycar, Rollator, usw.

 

Felsenspielplatz

Ein weiterer Spielbereich, der „Felsenspielplatz“, schließt an das Gestaltungsbild an, jedoch bietet der Spielplatz ein zusätzliches Wasserangebot mit einer Wasserpumpe mit Hygienespülung, einer Steinlandschaft mit Höhlen aus großen Kalksteinen sowie Klettersteigen und -wänden. Ein von der Natur charakteristisch geformter so genannter „Wasserstein“ mit seinen Furchen und Rillen ermöglicht den Großstadtkindern ein naturnahes Erleben. Wackelnde bespielbare Ringe in unterschiedlichen Größen erhöhen den Aufforderungscharakter des zweiten Spielplatzes und die Koordination.

 

Angebote für alle Menschen

Die Spielplätze sind inklusiv (im Sinne einer voraussichtlich geänderten DIN TR 18 034-2 Spielplätze und Freiräume zum Spielen, die Matrix).

Bei der Gestaltung dieser Anlagen war es wichtig, dass die Spielangebote unterschiedlich und vielschichtig sind und nicht schon auf den ersten Blick ihre zahlreichen Spielmöglichkeiten offenlegen. Die Anlagen müssen somit „in Besitz“ genommen und „erspielt“ werden, um in alle Bereiche vorzustoßen. Dabei sind sie bewusst so gestaltet, dass nicht alle Angebote für jedes Kind und in jedem Alter erreichbar sind, sodass genügend neue Herausforderungen für die weitere Entwicklung der Kinder bleiben. Es wurden Angebote für alle Menschen zu inklusiven Spielbereichen gebündelt, indem Angebote zur Förderung der Sinnenwahrnehmungen Sehen (z.B. Farbscheiben und Zerrspiegel), Hören (z.B. Spielplatztelefone), Tasten (z.B. sehr unterschiedliche Boden- und Handlaufbeläge), Fühlen (z.B. Gefühlsduschen und Wasser), Schmecken und Riechen (durch die Anordnung von Naschgarteninseln im direkten Spielplatzbereich) geschaffen wurden. 

In Ergänzung zu Naschinseln am Spielplatz finden sich in der Siedlung weitere essbare Früchte von hausnahen Stauden- und Strauchpflanzen, die von Kindern „in natura“ kennen gelernt werden können. Der Einsatz von duftenden, insektenfreundlichen Pflanzen stellt zudem einen umweltpädagogischen Mehrwert dar, da Kinder somit früh die Facetten einer artenreichen Flora und Fauna erleben. 

Die Bewegungserfahrung ist mit den Anforderungen zur Koordination (z.B. unterschiedliche Aufstiege in verschiedene Höhen), Geschwindigkeit (z.B. Rutschen) und Höhenerfahrung (z.B. Rutschen und Seilnetztunnel über den Weg) vollumfänglich abgedeckt.

Die Spielplätze dienen als Treffpunkt für Kinder und decken die sozialen Aspekte in den Anforderungen zur Inklusion ab, weil hier Kommunikation (z.B. durch die unterschiedlichen Sitz- und Spielbereiche), Selbstwahrnehmung (z.B. durch die Steigerung der Anforderungen der Aufstiege), Gruppenspiele und Einzelspiele gefördert werden, ebenso die Begegnungsmöglichkeiten, da die Spielanlagen als zentrale Treffpunkt innerhalb des Wohngebietes angelegt sind. Alle Spielanlagen wurden in Zusammenarbeit mit Uli Paulig entwickelt und von der Firma merry go round baulich umgesetzt. 

Die Spielplätze bilden durch die Angliederung von Tisch- und Bankkombinationen zugleich wertvolle öffentliche Gemeinschaftsräume zum Aufenthalt, die auch lebhaft genutzt werden. Die Spiel- und Aufenthaltsflächen werden durch großzügige angrenzende Stauden- und Strauchflächen eingefasst. Erstmalig gibt es in der Springsiedlung großzügige Bienenweiden und Blumenwiesen, die nur ein- bis zweimal jährlich gemäht werden und wie naturnahe Inseln aus der bespielbaren Rasenfläche ragen.

Unter dem Anspruch, eine nachhaltige und „produktive“ Siedlung zu gestalten und gleichzeitig an die Gestaltungssprache der 1960er Jahre anzuknüpfen, wurde auch das Freiraumkonzept insgesamt entwickelt: So wurden zum Beispiel die historischen Mastleuchten saniert und wieder eingebaut, ein sehr behutsamer Umgang mit dem Baumbestand verfolgt und nachhaltige Materialien gewählt. 

Die Anforderungen an das Leben in der Stadt wurden im Zusammenhang mit Fragen der Klimaanpassung und des Umweltschutzes gedacht:

So sollen neben zahlreichen Fahrradstellplätzen und einer neuen Anwohnerstraßenregelung E-Carsharing Parkplätze und Ladestationen wegweisend für die künftige Verkehrsentwicklung sein. Hochwertige aus dem Gestaltungskanon abgeleitete Fahrradüberdachungen bieten Radfahrenden geschützte Abstellmöglichkeiten.

Im Zuge der energetischen Sanierung und der partiellen Integration von Gründächern in der Siedlung ist es gelungen, die Gründächer in Teilen über Versickerungsmulden zu entwässern. 

Für den Zukunft sichernden Schutz der Umwelt spielt gerade in einer Stadt wie Berlin die Schonung von natürlichen Ressourcen und die Biodiversität vor dem Hintergrund der auch global voranschreitenden Urbanisierung eine zunehmend wichtige Rolle. Die nachhaltig sanierte Springsiedlung mit ihren innovativen Spielplätzen soll hierfür beispielgebend sein.

 

hochC Podcastreihe

Das Büro hochC Landschaftsarchitekten hat vor einigen Monaten eine jeden zweiten Donnerstag erscheinende Podcastreihe unter dem Titel „Let´s talk landscape“ aufgelegt, die sich zu verschiedenen Themen der Landschaftsarchitektur an die breite Fachöffentlichkeit richtet. Hier wird demnächst auch ein Podcast zu innovativen und nachhaltigen Spielangeboten in urbanen Räumen erscheinen: https://open.spotify.com/show/0clZ35C8fpQbiwwMDFMxou

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