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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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03.01.2011 - Ausgabe: 6/2010

Spielerisch eine Geschichte erzählen

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Die Macher der Landesgartenschau in Aschersleben hatten einen Wettbewerb unter Holzbildhauern ausgelobt, um einmalige Spielelemente konzipieren zu lassen. Diese sollten Kinder herausfordern und Anreize schaffen, die herkömmliche Spielplätze nicht bieten können. „In den letzten Jahren hat sich eine Spielkultur entwickelt, die nichts mehr von der Stange will, sondern maßgeschneiderte Lösungen – auf einen bestimmten Ort zugeschnitten – anbietet“, kommentiert Chef-Planer AW Faust von Büro sinai die Entscheidung für das aufwendige Wettbewerbsverfahren unter den freiberuflich arbeitenden Spielgerätedesignern.

Auf der Herrenbreite, der größten Gartenschaufläche, dominieren die riesigen Skulpturen aus unzähligen Eichenhölzern von Florian Aigner. Der Münchner Künstler flechtete Hölzer so ineinander, dass ein erkletterbares Wirrwarr bis zu zehn Meter Höhe entstand. Aigner selbst sagt: „Aus der Ferne betrachtet verdichten sich meine abstrakten, chaotischen Konstruktionen zu Objekten, wie sie in der Wildnis, im Urwald, im Mangrovendickicht oder im Lianendschungel entstanden sein könnten, gesehen mit den Augen von Huckleberry Finn.“

„Mich begeistert an dem Projekt in Aschersleben vor allem, dass ich hier eine Geschichte erzählen darf. Es gibt ein Thema. Das ist ganz selten bei Spielgeräten der Fall“, meint Aigner. Seine Spiellandschaften erzählen drei Erlebnisse von Adam Olearius auf dessen Reise nach Russland und Persien nach: die Überquerung des Berges Elburs, die Reise durch die Wolgawälder und der Schiffbruch bei Derbent. Die Kinder sind eingeladen zu klettern, springen, hangeln und matschen. Die Besonderheit bei den „Wolgawäldern“ ist, dass Aigner auch Kindern mit körperlichen Handicaps im „Unterholz“ des Waldes die Möglichkeit zum Spiel eröffnet. Im Rollstuhl sitzend können sie sich beispielsweise in den Wald hineinziehen und durchhangeln.

Aigners Konstruktionen eröffnen Kindern unzählige und unvorhersehbare Klettermöglichkeiten. Die ungewohnt anmutenden und den Reiz der Gefahr verströmenden Spielobjekte hatten allerdings keine Probleme den TÜV zu passieren.
Aigner hat bereits auf vielen Landesgartenschauen, vor allem im süddeutschen Raum, Spielgeräte gebaut. Sein Stangendickicht entsteht erst auf der Baustelle vor Ort. Vieles unterliegt dabei dem Zufall. Beim Bauen hat er immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Kinder auf ihn zukommen und sagen: Du bist Künstler. Das ist Kunst. Florian Aigner will Kindern, die nicht die Chance haben, im Umfeld von Theater, Klavierunterricht, Ballett, Museen und Vernissagen aufzuwachsen, die Möglichkeit geben, spielerisch Kunst und Kreativität zu erfahren.

Persische Karawanserei

Neben Florian Aigner baute Gisbert Baarmann die Spielgeräte für die Herrenbreite, den Stadtpark und den Bestehornpark. Der in der Uckermark lebende Künstler hat elementare Erfahrungen mit bespielbaren Figuren, skulpturalen Möbeln und Spiellandschaften aus Holz sammeln können. Er war unter anderem bei der Landesgartenschau Wolfsburg 2004 dabei und auch auf der diesjährigen Bundesgartenschau in Schwerin können Kinder Spielgeräte von ihm erleben.

Baarmann baut auf der Herrenbreite die „Persische Karawanserei“. Dabei handelt es sich um eine 9 x 9 Meter große, zweigeschossige Wüstenburg, auf deren umschlossenen Hof ein Wasserspiel die Kinder zum Matschen einlädt. Rundherum gibt es genügend Möglichkeiten zum Klettern, Rutschen, Hangeln und Verstecken.

In der Orangerie im Bestehornpark hat er die Idee der Planer, eine überdimensionale, begehbare Orange, mit Hilfe unzähliger Rundhölzer genial umgesetzt. Durch die wie Brennholzstapel angeordneten Hölzer fällt Licht in die riesige Kugel. Das gebrochene Licht macht das dreidimensionale Klettern im Inneren noch spannender und erlebnisreicher.

Für den „Garten der Stille“ nahe der Weißen Villa im Bestehornpark hat Baarmann eine große, sechseckige Hängematte konzipiert, in der Jugendliche vor allem eins können: chill-outen, oder anders: abhängen.

Im Stadtpark dürfen Kinder die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft erkunden und werden an die Fundstücke an die von Olearius in Gottorf beaufsichtigte Kunst- und Kuriositätenkammer erinnert. So wird in der Kammer „Wasser“ eine geöffnete Muschel Wasser speien, wenn ihre Perle berührt wird. Das Wasser versorgt den Sand mit dem nötigen Matsch und die Unberechenbarkeit des Wasserstrahls sorgt für einen ausreichenden „Kreischfaktor“.

Vor allem für die kleinen Kinder sind die Klackersteine und Hühnergötter zum Wippen und Geräuschemachen in der „Feuer“-Kammer gedacht.

Alle Spielskulpturen bleiben auch nach der Gartenschau in den Parks erhalten.
Die Kosten für alle Geräte belaufen sich auf rund 240.000 Euro.

 

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(Erster Beitrag erschienen in der Playground and Landscape Ausgabe 4 / 2019).