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Playground@Landscape

Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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16.04.2012 - Ausgabe: 2/2012

Klettern macht klug!

Über den Einsatz von Seilspielgeräten an Schulen

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Gemeint ist das riesige Kletternetzspinne, das seit letztem Sommer den Schulhof dieser Grundschule ziert. Im Moment ist bei den Kindern Wettklettern groß angesagt, aber das kann sich schnell ändern. In einem halben Jahr dient die Pyramide den Kindern vielleicht als Raumschiff oder Baustelle. Während auf Themenspielplätzen das Szenario bereits vorgegeben ist – Flugzeug, Piratenschiff oder Pippi Langstrumpf – , lassen offene Gestaltungen Kindern mehr Raum, eigene Ideen zu verwirklichen.
Die Pause ist entscheidend für die Erholung der Schüler und somit auch für das Lernen. Innerhalb kürzester Zeit müssen Anspannung und Stress der letzten beiden Schulstunden weggespielt werden. Leider sehen auch heute noch viele Höfe wie Parkplätze aus: Leere Beton- oder Asphaltflächen mit einigen Bäumen und Pflanzkästen am Rand. Durch solch eine Gestaltung werden Unfälle oder Gewalt unter den Schülern provoziert. Gruppen, die sich ruhig beschäftigen, werden von rennenden Kindern angerempelt und gestört. Eine Struktur des Geländes und Spielgeräte schaffen Räume und Anregungen für aktive und ruhige Beschäftigungen. Eine Lösung stellen Seilspielgeräte dar. Die angebotenen Module können je nach Kundenwünschen und Gelände unterschiedlich kombiniert werden. Geländeunterschiede stellen für Seile kein Problem dar, im Gegenteil, sie erhöhen sogar den Spielwert. Schüler erklettern Berge und rutschen oder rennen anschließend wieder nach unten. Der modulare Charakter vieler Geräte ermöglicht den Erhalt des Altbaumbestandes, das hat – neben ökologischen Gründen – die Vorteile, dass alte Bäume viel Schatten spenden und das Mikroklima verbessern. Auf besonders schmalen Grundstücken ist immer noch Platz für einen Balancierparcours aus Seilen. Auf kleinen Geländen wird durch Außengerüst-Geräte das Spielvolumen erhöht. Durch den Kern aus Stahl halten die Seile sehr hohe Belastungen aus, die zwei Mal täglich während der Pausen auftreten. Obwohl einige Geräte uns Erwachsenen sehr hoch erscheinen, passieren bei Seilgeräten außergewöhnlich wenig Unfälle. Kinder sehen das Risiko und wagen sich nur so hoch, wie sie können. Die Aufsicht der Lehrer ist durch die netzartige Struktur leichter als z.B. bei massiven Holztürmen, da es wenig Versteckmöglichkeiten gibt.
Bei Grundschulkindern ist die Gestaltung des Hofes oder der Freiflächen besonders wichtig, da diese ein erhöhtes Bewegungsbedürfnis haben. Seilspielgeräte haben einen besonders hohen Spielwert und ermöglichen vielfältigere Spiel-Formen für mehr Kinder, als die Spielplatzklassiker Schaukel und Wippe. Funktionsspiele wie Klettern, Springen, Kriechen, Rutschen, Schwingen, Rollen, Drehen oder Balancieren bieten sich genauso an, wie Rollen- und Regelspiele, die in der Gruppe gespielt werden.
Eine bewegte Pause dient aber nicht nur der Erholung und dem Spaß sondern auch der physischen Entwicklung der Kinder. Werden durch aufregende Spielgeräte Bewegungen gefördert, können Gesundheitsschäden wie Haltungsschäden, Konzentrationsschwächen, Verhaltensauffälligkeiten und Übergewicht vermieden werden. Durch das Klettern auf Seilen wird der Gleichgewichtssinn geschult und die Risikoeinschätzung verbessert sich. Auch die soziale Kompetenz wird durch das gemeinsame Spiel gestärkt und das erhöht wiederum die Schulleistungen. Besonders gute Kletterer sind auch in der Schule gut.
Neben der Nutzung in der Pause ist auch der Einsatz von Seilspielgeräten im Sportunterricht denkbar. Oder wie wäre es mit einem Klassenzimmer im Freien, bei dem es an Stelle von Stühlen Seile zum Sitzen gibt? Seile können, neben Wegen installiert, gleichzeitig Bereiche abgrenzen und nebenbei bespielt werden. Im gesamten Gelände verwendet, bilden sie so einen „roten Faden“ in der Gestaltung. Werden die Seile in den Farben des Schulgebäudes gewählt, entsteht ein harmonisches Gesamtbild.
Während es sich heutzutage herumgesprochen hat, dass Grundschulen einen bespielbaren und aufwändig gestalteten Schulhof brauchen, gibt es große Unsicherheiten und Theoriedefizite im Bereich der Oberschulhofgestaltung. Jugendliche spielen nicht mehr so ausgiebig wie Kinder, Rollenspiele kommen beispielweise gar nicht mehr vor. Die Pubertät verändert das Verhalten der Schüler. Dennoch nehmen Jugendliche gerne Spielgeräte an, um ihren Lieblingsbeschäftigungen während der Pause nachzugehen: Kommunizieren und Beobachten. Als Sitzelemente werden von ihnen immer wieder Zäune und Treppenstufen genutzt, weniger die Bänke, die für sie dort aufgestellt wurden. Und wenn, dann auf der Lehne sitzend – einfach, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Mit diesem Wissen können Planer besser auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen, indem sie multifunktionale Objekte verwenden. Seilelemente, wie Balancierstrecken oder Kletternetzen können auch gut auf Freiflächen von Oberschulen eingesetzt werden. Der noch vorhandene Bewegungsdrang der Jugendlichen wird während eines Gesprächs beim Wippen, Klettern oder Beine-Wackeln befriedigt. Bei der Planung von Aufenthaltsorten sollte aber darauf geachtet werden, dass Elemente für Gruppen und Elemente für einzelne Jugendliche oder Pärchen vorhanden sind. Zentral angeordnet können hohe Elemente Jungen als Bühne dienen, auf der sie sich den Mädchen und anderen Jungen präsentieren können. Einige erhöhte Objekte am Rand ermöglichen den Jugendlichen einen Überblick über das Geschehen in der Pause und der Blick in die Ferne entspannt die Augen nach einer anstrengenden Stunde. Einige Orte für kommunikative Handlungen sollten vormittags möglichst in der Sonne liegen, denn das ist ein wichtiger Faktor, der Menschen dazu bewegt, sich niederzulassen. Ist genügend Fläche vorhanden, empfiehlt sich unbedingt auch die Anlage von nutzungsoffenen Räumen mit glattem Bodenbelag. Hier kann Fußball gespielt oder Skateboard gefahren werden. Liegen die Netzlandschaften im angrenzenden Bereich können die Spieler beobachtet werden. Vandalismus, wie er häufig an Oberschulen vorkommt, also Messerritzen und mit dem Feuerzeug spielen, hat bei den Stahlseilen keine Chance. Die Investition zahlt sich aus, denn die Geräte überdauern Jahrzehnte.
Max hat es diese Pause geschafft und war der Erste ganz oben. Er ist stolz auf sich und kann mit neuem Selbstbewusstsein in die nächste Mathestunde starten.

Alena Kniesche, Berliner Seilfabrik

Gerald Hüther, Hirnforscher: „Es gibt sehr viele Eltern, die Angst haben, dass Kinder nicht genug lernen und die offenbar immer noch in dem alten Denken sind, dass wenn man mehr rein füllt auch mehr drin bleibt. Das ist so dieses alte Schema: Gehirne sind wie Fässer, die man mit Wissen vollfüllen muss - je früher desto besser. Da wird uns im Augenblick eingeredet, dass diese so genannten kognitiven Fähigkeiten - also Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften - dass das das Bedeutsamste ist, was es überhaupt nur gibt. Aber es ist eben die Frage, ob Kinder sich überhaupt mit Physik, Mathematik und Biologie befassen können, wenn sie nicht vorher schon Lernerfahrungen gemacht haben, die ihnen zeigen, wie schön es überhaupt ist, etwas entdecken zu können. Es muss ja noch nicht gleich Mathe sein. Ein schönes Beispiel dafür ist: Kinder, die sehr früh sehr gut in Mathe sind - die Besten in der Grundschule - sind auch welche, die meist extrem gut klettern und auf Balken balancieren können. Das heißt: die beste Vorbereitung auf Mathe, ist nicht Mathe üben, sondern auf Bäume klettern. Weil in diesen Bewegungsmustern wird im Hirn etwas angeregt, nämlich Verschaltungsmuster für dreidimensionales Verrechnen.“
Quelle: Klettern fördert mathematische Fähigkeiten - Gespräch mit Hirnforscher Gerald Hüther, www.3sat.de/vivo/154278/index.html

 

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(Erster Beitrag erschienen in der Playground and Landscape Ausgabe 4 / 2019).