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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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17.01.2021 - Ausgabe: 1/2021

Das Spielraumgesetz als Grundlage für einen innovativen Schulfreiraum

Von DI Bettina Epple, Leanne Maree, Bakk.techn

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© studio22.at - marcel hagen

Die Marktgemeinde Lustenau in Vorarlberg, dem westlichsten Bundeslandes in Österreich, nimmt seit 2012 am Programm des Landesspielraumgesetzes teil. Dieses Gesetz animiert die Kommunen in Vorarlberg dazu, für das gesamte Gemeindegebiet eine Spielleitplanung zu entwickeln. Unterstützt durch eine hochgradige Projekt- und Budgetförderung des Bundeslandes gelingt es dadurch, öffentliche Spiel- und Freiräume nachhaltig auszubauen und zu sichern. Dabei stehen die Ansprüche von Kindern und Jugendlichen stets im Vordergrund, wird Partizipation doch verpflichtend vorgeschrieben. 2017 gelingt es in der Marktgemeinde Lustenau, dieses besondere Konzept nicht nur für die öffentlichen Spielplätze anzuwenden, sondern auch im Rahmen der baulichen Erweiterung der Volksschule Rheindorf. Bei diesem Planungs- und Ausführungsprojekt wurde nicht nur die Architektur berücksichtigt, sondern insbesondere auch die Landschaftsarchitektur sowie die Verkehrsplanung integriert. Es entstanden somit ein modernes Schulhaus, ein neu und hochwertig gestalteter Schulfreiraum mit Öffentlichkeitscharakter, sowie die erste Begegnungszone der Marktgemeinde Lustenau. Aktuelle und sehr fundierte Planungsgrundlagen sowie ein integrativer Planungsprozess führten zu diesem ansprechenden räumlichen Ergebnis für Kinder und Jugendliche.

 

Die Gemeinde und ihre Planungskonzepte

Die Marktgemeinde Lustenau befindet sich ganz im Westen des Bundeslandes Vorarlberg, mitten in der prosperierenden Ebene des Rheintals am Bodensee, im Dreiländereck Österreich – Deutschland - Schweiz. Mit knapp 24.000 EinwohnerInnen durch stetigen Zuzug geprägt, würde sie im österreichischen Vergleich als Mittelstadt gelten. Dennoch wird, auch aufgrund der vorliegenden Historie, der Charakter eines „grünen Großdorfes“ erhalten. Mit dem Alpenrhein geografisch und naturräumlich direkt an der Schweizer Grenze gelegen, ist Lustenau durch die LKW-Zollabfertigung einer überdurchschnittlich starken Schwerverkehrs- sowie MIV-Tagesbelastung ausgesetzt. Auch deshalb nehmen die wesentlichen Planungsgrundlagen und -konzepte der Marktgemeinde Lustenau auf die Verkehrssituation Bedacht. So auch das kommunale Spielraumkonzept, welches infolge eines einjährigen integrativen und interdisziplinären Planungsprozesses 2012 von der Gemeindevertretung verabschiedet wurde. Im Falle der Marktgemeinde Lustenau stellte ein generelles Ergebnis des Spielraumkonzeptes dar, dass die Ausgestaltung des Straßenraumes wesentlich dazu beiträgt, ob öffentliche Spielräume überhaupt sanft-mobil erreichbar sind. Dies wurde über Quartiersspaziergänge mit Kindern sowie über partizipative Workshops erarbeitet. Ergebnis ist eine qualitative Aussage über das Freiraumnetz der Marktgemeinde Lustenau, inklusive daraus resultierendem Maßnahmenkatalog, welcher insbesondere auch den Straßenfreiraum als integralen Bestandteil umfasst.

 

Der Straßenfreiraum gehört dazu

Mit der Notwendigkeit, die Volksschule Rheindorf im gleichnamigen Ortsteil der Marktgemeinde Lustenau baulich zu erweitern, ergab sich 2016 auch für das gesamte Quartier eine große Chance. Da die Kommune im Besitz mehrerer Grundstücke ist, die das Schulgebäude umgeben, wurde auch von Seite der Gemeindeentwicklung erkannt, dass die Ressource „Freiraum“ als verbindendes und wegbereitendes Element besonders hervorzuheben ist. Das altehrwürdige gründerzeitliche Schulgebäude hat durch seine Lage an der kommunalen Hauptverkehrsachse „Maria-Theresien-Straße“ außerdem einen wichtigen Zentrumscharakter und prägt das Ortsbild an dieser Stelle. Grundlage für die umfassende Neugestaltung des Areals war daher nebst dem Spielraumkonzept auch das vorliegende Ortsteilentwicklungskonzept Rheindorf, sowie eine zu diesem Zeitpunkt ganz aktuelle quantitative Verkehrserhebung zum gesamten Gemeindegebiet. All diese Planungsgrundlagen und -konzepte waren zu diesem Zeitpunkt vorausschauend und zeitnah erarbeitet worden. Durch das interdisziplinäre Verständnis über räumliche Bezüge sollte daraus ein neu gestaltetes städtebauliches Ensemble rund um die Volksschule Rheindorf entstehen. Die Baustelle umfasste insgesamt knapp 6.000 m² und inkludierte die Adaptierung und Erweiterung des Schulhauses, eine Begegnungszone auf der Maria-Theresien-Straße sowie den Schulfreiraum, der als öffentliche Spielplatzfläche ausgewiesen wurde. Der Spatenstich erfolgte im Juli 2016, eröffnet wurde das Gelände Ende November 2017. Um die Sorgfalt und die Wichtigkeit der Planung des Außenraumes zu betonen, wurde für den Vorentwurf des Areals ein landschaftsarchitektonisches Ideenfindungsverfahren mit geladenen Büros ins Leben gerufen. Nach der Zuschlagserteilung wurde ein Beteiligungsprozess mit den Schülerinnen und Schülern der Volksschule umgesetzt. Die Ergebnisse aus der Partizipation wurden direkt in den Freiraumentwurf eingearbeitet. 

 

Innovative Lernräume, umgeben von einem großzügigen Schulfreiraum

Die vielfältigen neuen Anforderungen ans Lernen, sowie das Thema Inklusion, waren Programm beim Entwurf des Schulhauses durch das Architekturbüro dworzak/grabher. Es wurde mehr Raum für individuelles Lernen, für Kreativität, für Rückzug und Begegnung umgesetzt. Dies sollte sich auch im Außenraum spiegeln. So wurden die Schülerinnen und Schüler bei der Planung des Schulfreiraumes im Rahmen eines Malworkshops sowie einer Befragung mit eingebunden, begleitet durch einen externen Spielraum- und Beteiligungsexperten. Dies stärkte nicht nur die Schulgemeinschaft, sondern trug auch dazu bei, dass sich der Außenraum für eine Freizeitnutzung öffnen konnte. Das landschaftsarchitektonische Konzept von Landschaftsarchitektin Barbara Bacher sah einen großzügigen Freiraum vor. Dieser berücksichtigte in seiner reduzierten und funktionalen Gestaltung die von den Nutzerinnen und Nutzern geforderten unterschiedlichen Ansprüche an den Schulfreiraum. So wurde für die schulische Mittagsbetreuung eine einladende Terrasse mit Nischen aus Hängematten umgesetzt, übergehend in eine große Wiese für freies Bewegungsspiel. In hochwertiger Manufakturarbeit hergestellte „Kinderhäuser“ säumen diese Fläche, ebenso ein großes Bodentrampolin, eine Boulderwand und ein Kletterwald aus Robinienstämmen. Bei den mit Kies und Asphalt befestigten Flächen tragen ansprechende Sitzmöglichkeiten und die Berücksichtigung des Baumbestandes zur Atmosphäre bei. Wesentliches Ziel für die Landschaftsarchitektin war außerdem, die zuvor bestehenden PKW-Abstellflächen aus dem Schulhof auszulagern und diesen vollständig autofrei zu gestalten.

 

Begegnung auf Augenhöhe

Sehr besonders bei der Neugestaltung der Volksschule Rheindorf war die erstmalige Umsetzung einer Begegnungszone in Lustenau, im Bereich der Maria-Theresien-Straße. Hierfür wurde vom Verkehrsplanungsbüro Besch und Partner die Außenraumgestaltung des Schulhofes aufgegriffen, indem der beigefarbene Asphaltbelag niveaugleich vom Eingangsbereich der Schule bis über die Fahrbahn gezogen wurde. Ziel dieser Methode zur Verkehrsberuhigung ist die Reduktion des Tempolimits, während zugleich alle Verkehrsteilnehmenden gleichberechtigt aufeinander Rücksicht zu nehmen haben. Es sollte der Eindruck entstehen, dass der oder die Fahrzeuglenkende direkt über den Schulvorplatz fährt. Unterstützt wird dieses Konzept durch eine abgestimmte Möblierung und Beleuchtung des Straßenraums sowie durch einseitige Einengungen der Fahrbahn zu Beginn und am Ende der Begegnungszone. Für die Gewährleistung der Barrierefreiheit wurde ein taktiles Blindenleitsystem integriert. Auffallend ist auch die hohe rote Stele, welche den Eingangs- und Ausgangsbereich der Begegnungszone signalisiert. Ein von vornherein brisanter Punkt bei der verkehrstechnischen Planung war die Tatsache, dass die zu diesem Zeitpunkt aktuell vorliegende Verkehrszählung einen durchschnittlichen täglichen Verkehr von mehr als 10.000 Fahrzeugen pro Tag aufwies. Die Umsetzung einer Begegnungszone mit einem Tempolimit von 20 km/h wurde daher auch von den Verkehrsplanern als kritisch erachtet, wird die Zweckmäßigkeit einer Begegnungszone ab einem DTV von 10.000 nach dem aktuellen Stand der Forschung doch als begrenzt erachtet. Dennoch, auch entgegen öffentlicher Infragestellung, wurde das Projekt zugunsten der Verkehrssicherheit von Kindern und Jugendlichen konsequent umgesetzt, mit Erfolg. Über die Begegnungszone auf der Maria-Theresien-Straße wird urbane Aufenthaltsqualität mit dörflichen Lebensräumen verzahnt. Der verkehrsberuhigte Querschnitt schafft Sicherheit für die Schülerinnen und Schüler und verbindet die direkt angrenzenden Teilräume für zu Fuß Gehende und Radfahrende auf angenehme, großzügige Weise. Unterstützt wurde diese Neuerung im öffentlichen Straßenraum der Marktgemeinde Lustenau auch durch eine aktive, aufklärende Öffentlichkeitsarbeit sowie durch begleitende, sanfte Maßnahmen, wie die Aktion „Schoolwalker“. Durch ein niederschwelliges Bonussystem werden Schulkinder und ihre Eltern auf Initiative der Gemeinde während des Schuljahres darin unterstützt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule zu kommen. Auch eine externe Evaluierung des Vereins „walk.space“ im Rahmen eines gemeindeweiten „FußgängerInnenchecks“ von 2019 zeigt, dass die Begegnungszone Rheindorf ihren Zweck, nämlich die Inklusion aller Verkehrsteilnehmenden, qualitativ mit gutem Ergebnis erfüllt.

 

Ein Modell macht Schule

Mittlerweile wurden in der Marktgemeinde Lustenau auch im Bereich der Volksschule Kirchdorf, im Bereich des Seniorenhauses „Im Schützengarten“ und im Bereich des 2019 neu errichteten Kindergarten „Am Engelbach“ ähnliche Maßnahmen zur Gestaltung des Umfeldes ergriffen und baulich erfolgreich umgesetzt. Dabei nimmt der (Spiel-)Freiraum stets eine zentrale Rolle ein, in dem auf ein zeitgenössisches Design und einen hohen Spielwert Bedacht genommen wird. Zugleich wurden auch weitere Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung umgesetzt, um die sanfte Mobilität nachhaltig zu fördern. Betreffend die Umsetzung der Begegnungszonen wurde dabei stets auf das Corporate Design im Ortsteil Rheindorf zurückgegriffen. Das Spielraumgesetz des Landes Vorarlberg kann aus Sicht der Marktgemeinde Lustenau als effizienter und zielführender Push-Faktor der Gemeindeentwicklung erachtet werden, indem eine ansprechende Spielleitplanung zur Aufwertung und Attraktivierung des öffentlichen Raumes führt. Die verpflichtende Beteiligung garantiert dabei, dass die Ansprüche von Kindern und Jugendlichen tatsächlich zur Berücksichtigung kommen, wobei in Folge alle Generationen von der hohen Aufenthaltsqualität profitieren. 



DI Bettina Epple, geboren 1983, 2008 Absolventin der Universität für Bodenkultur Wien, Fachbereich Landschaftsplanung und –pflege. Von 2009 bis 2011 Universitätsassistentin am Institut für Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien, seit 2011 beschäftigt bei der Marktgemeinde Lustenau, Abteilung Gemeindeplanung. Zuständig für die Konzeption sowie die bauliche Umsetzung von kommunalen Außenanlagen, Spiel- und Freiflächen in der Gemeinde.

Leanne Maree, Bakk.techn., geboren 1987, 2012 Absolventin der Universität für Bodenkultur Wien, Fachbereich Landschaftsplanung und -architektur. Seit 2016 beschäftigt bei der Marktgemeinde Lustenau, Abteilung Gemeindeplanung. Zuständig für die bauliche Umsetzung sowie das Instandhaltungsmanagement der kommunalen Grün- und Außenanlagen der Gemeinde.

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