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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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17.02.2021 - Ausgabe: 1/2021

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Von Linda Gebhard und Andreas Hunck (Hunck+Lorenz Freiraumplanung)

Photo
© Hafencity News, Michael Klessmann

Im Sommer 2009 wurde mit der Katharinenschule der erste Schulbau im neu entstehenden Hamburger Stadtteil, der HafenCity, eröffnet. Eine Besonderheit dieser Schule ist zweifelsohne die Anordnung der Pausenhofflächen, die sich zum großen Teil auf dem Dach des mehrgeschossigen Gebäudes befinden.

Der Hamburger Bauträger Otto Wulff hatte in einem vom Senat ausgelobten ÖPP-Verfahren (Öffentlich-Private Partnerschaft) den Zuschlag für den Neubau nach dem Entwurf der Architekten Spengler Wiescholek aus Hamburg erhalten. Dieser sah vor, einen hybriden Gebäudetyp mit dreizügiger Grundschule, Kindertagesstätte sowie 30 Mietwohnungen in die von hoher Dichte geprägte städtebauliche Struktur der HafenCity zu integrieren. 

Zum Nachweis der Schulhofflächen war auch die Nutzung der Dachfläche erforderlich. Der Umstand des Schulhofes auf dem Dach wurde während der Planungsphase sehr kontrovers diskutiert, da zeitweilig der städtebaulichen Gesamtplanung der HafenCity Kinder- und Familienfeindlichkeit vorgeworfen wurde. Ziel unseres Büros war es daher, dieses Thema positiv zu besetzen und den Kindern – in den zugegeben beengten räumlichen Gegebenheiten – ein Höchstmaß an nutzbaren Flächen und qualitätsvollem Freiraum für die Pausen zur Verfügung zu stellen.

Es entstand ein Schulhof, dessen größter Teil sich mit 1.300 Quadratmetern im 5. OG über das komplette Dach des Schulgebäudes erstreckt. Das Schulhofangebot wird ergänzt durch eine weitere Sport- und Aufenthaltsfläche von 950 Quadratmetern im Außenraum des Erdgeschosses.

Die mit in dem Gebäude untergebrachte Kita erhielt einen eigenen Außenbereich von 350 Quadratmetern, der sich auf einer Dachfläche im 1. OG befindet und über eine Rutsche und eine Treppe mit dem Erdgeschoss verbunden ist. 

 

Das Dach

Als Kontrast zu den neutral gehaltenen Unterrichtsräumen entwickelten wir in Zusammenarbeit mit den Architekten ein Farbkonzept für den Pausenhof. Der Boden erhielt bei Aufbauhöhen von zum Teil nur 20 Zentimeter auf dem gedämmten Dach einen bunt gestreiften, fugenlosen EPDM-Belag, in den der Schriftzug „GANZ HOCH OBEN!“ als Intarsie eingelassen wurde. Dabei wurde in einem H von „HOCH“ ein mit Farbe aufgetragenes Hüpfspiel integriert und das andere H wurde als Sitzgelegenheit zu einem erhöhten Holzpodest ausgebildet. Farbige EPDM-Kugeln und kleine erhöhte Bodenwellen animieren zusätzlich zum Balancieren und Springen. Konventionelle Spielgeräte wie Reckstangen und ein „Spaceball“-Klettergerüst, sowie viel Fläche zum Toben ermöglichen darüber hinaus eine aktive Pausengestaltung.

Ein Höhenvorsprung von 45 Zentimetern führt zu einem tiefer liegenden Holzdeck. Über diesem ruhigeren Bereich sind Sonnensegel gespannt, große wetterfeste Kaffeesäcke als Sitzkissen bieten Platz zum Ausruhen. 

Als Absturzsicherung für den Dachschulhof wurde seitens der Architekten eine 4 Meter hohe Stahlkonstruktion mit ‚tanzenden’ Stützen vorgesehen, die mit Edelstahlgewebe bespannt wurde. Entlang dieser Einfassung wurde von uns eine umlaufende Bank mit dazwischen liegenden Sichtbetonpflanzkübeln angeordnet, die eine Begrünung der Einfriedung ermöglichen. Die kleinen Nischen unterschiedlicher Größe dienen als Ruhebereich und Ausguck in die Umgebung. Denn neben allerlei Baukränen und anderen hohen Gebäuden der HafenCity, sieht man von dort die Elbe, den Hafen und auch Hamburgs Wahrzeichen, den Michel.

 

Das Erdgeschoss

Der erdgeschossige Schulhof, der zum Teil durch das sieben Meter auskragende 2. OG überbaut ist, wurde, mit Ausnahme einer 50-Meter-Laufbahn aus grünem EPDM-Belag, steinern gestaltet. In die Laufbahn eingelassen sind Bodenhülsen, in denen kleine Bolzplatztore verankert werden können, so dass hier in den Pausen Ballspiel möglich ist. Zur Nutzung der Laufbahn in voller Länge können die Tore ganz einfach entfernt werden. Als Pendant zu den Kaffeesäcken im 5. OG erinnern die hölzernen Sitzmöbel im Erdgeschoss an Teekisten, die zur Abholung bereitstehen und auf die Geschichte des Ortes als ehemaliges Hafengebiet verweisen. Die angrenzenden Wegebeläge des öffentlichen Grunds wurden auf dem Schulhof fortgeführt, da die Schulhoffläche außerhalb der Schulzeit öffentlich zugänglich ist und eine Verbindung in den benachbarten Sandtorpark darstellt. 

Die Schultore, die das farbenfrohe Motiv der Einfriedung des 5. OG wieder aufnehmen, liegen im geöffneten Zustand bündig in den sie haltenden Betonfertigteilen, so dass eine großzügige, öffentliche Wegeverbindung über die Schulhoffläche in den Park ermöglicht wird. Der im Jahr 2011 eröffnete Sandtorpark wird heute von der Schule auch als erweiterte Pausenhoffläche genutzt.

 

Die Kita 

In der Gebäudefuge zwischen Schulbau und Wohnungsbau (auf Höhe des 1. OG) sowie auf der Ostseite des Gebäudes im Erdgeschoss befinden sich die Außenanlagen der Kindertagesstätte und des Kinderhorts. Als Bodenbelagsmaterial wurden hier ebenfalls EPDM-Beläge gewählt, die in unterschiedlichen Breiten ein Streifenmuster ergeben. Dominant sind hier warme, erdfarbene Braun- und Beigetöne, die mit Orange, Rot und Grün kontrastiert werden. Auf der oberen Fläche wurden die Oberlichter der darunter liegenden Räume als bewusste Störungen in die Gestaltung integriert und schaffen als Hindernisse räumliche Qualität beim Bespielen der Fläche. Neben einer Sandkiste und einer Federwippe befindet sich im 1. OG auch der Einstieg zu einer Tunnelrutsche, der die Spielflächen im 1. OG und EG miteinander verbindet. Die unterschiedlichen Ebenen können ebenso über eine Außentreppe erreicht werden.

Die Kinderspielfläche im Erdgeschoss ergänzt das Spielangebot für die Kita mit einer großen Nestschaukel sowie der überbauten Rampe der Tiefgarage als schräge Ebene, die, ebenfalls mit EPDM belegt, von den Kindern belaufen werden darf. Die Rampe wird flankiert von abgestuften hölzernen Podesten, die ein zusätzliches Kletter- oder Aufenthaltsangebot schaffen. 

 

Fazit

Bei einem Besuch des Schulhofes im Rahmen unseres Büroausfluges im Sommer 2019, zehn Jahre nach Fertigstellung, konnten wir uns davon überzeugen, dass unsere Planung auch heute noch aufgeht. Zwar hat die direkte Sonneneinstrahlung die leuchtenden Farben des EPDM-Belages auf dem Dach ein wenig verblassen lassen, doch insgesamt präsentierte der Schulhof sich in einem sehr guten Zustand. Einzig die Pflanzbehälter entlang der umlaufenden Dach-Einfassung konnten nicht in Gänze überzeugen – zumindest nicht in ihrer Funktion: Es stellte sich heraus, dass die Kinder diese viel lieber als Rundlauffläche benutzen – die darin gesetzte Staudenvielfalt hatte keine Chance. Allerdings konnten sich neben ein paar robusten Gräsern und Wildpflanzen in den Pflanztrögen auch die Rankpflanzen behaupten, sodass sich die Dachumspannung mittlerweile üppig begrünt präsentiert. 

Keine Frage - auch wir würden uns bei Schulneubauten größere Außenräume wünschen, mit weitläufigen Rasenflächen, grünen Klassenzimmern und mehr Natur direkt auf dem Schulhof. Aber dies stand in diesem Falle nicht zur Diskussion und wäre unter den gegebenen planungsrechtlichen Vorgaben und städtebaulichen Zielsetzungen schon auf Grund der Größe des zur Verfügung stehenden Grundstücks nicht zu erreichen gewesen.

Umso mehr freuen wir uns, dass sich trotz anfänglicher Kritik und Skepsis gezeigt hat, dass auch derartig urban geprägte Außenräume, wie eine Schulhoffläche mit Spielplatz auf dem Dach, gut funktionieren können. Die Schüler und Lehrer der Katharinenschule nutzen ihren Schulhof in luftiger Höhe wie selbstverständlich, die Resonanz fiel sehr positiv aus. Die Kinder fanden und finden den Schulhof cool und besangen ihn zur Eröffnung der Schule in ihrem neuen Schulsong. Mehr konnten wir nicht erreichen.


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