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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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„Gemma raus!“

von DI Rita Mayrhofer, Mag. Barbara Kolb, Ass. Prof. Mag. Dr. Rosa Diketmüller, DI Heide Studer

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Seit einigen Jahren ist in Deutschland und in Österreich das Phänomen beobachtbar, dass in Parks besondere Geräte für Erwachsene aufgestellt werden. Aus China kommend, wo Bewegungsaktivitäten im öffentlichen Raum eine lange Tradition haben, werden sogenannte Bewegungsparks nun auch in Europa gebaut.

Geräteparcours in Wien

In Wien wurden seit 2007 sechs Parks bzw. städtische Freiräume mit Gerätepar-cours von drei verschiedenen Herstellern ausgestattet und unter dem Motto Genera-tionenparks beworben. Ziel ist es, Erwachsene, insbesondere auch Menschen über 50, mit diesem kostenfreien und allgemein zugänglichen Angebot zu mehr Bewe-gung anzuregen. Grundsätzlich trifft dieses Angebot auf eine wachsende Nach-frage, zeigen doch internationale Studien zur Bewegungsaktivität älterer Menschen, dass die derzeitige Generation 60+ sich vorwiegend in selbstorganisierter Form be-wegt.

Ein Forschungs- und Aktivierungsprojekt

Im Projekt „Gemma raus!“ http://gemmaraus.univie.ac.at, das von Dezember 2009 bis Oktober 2011 in Wien durchgeführt wird, wird derzeit untersucht, inwieweit Bewegungsparks eine Möglichkeit darstellen, selbstorganisierte Bewegungsaktivitäten älterer Menschen zu unterstützen und wie der öffentliche Raum dazu optimal gestaltet werden kann. Dazu arbeiten SportwissenschaftlerInnen und Landschaftsplanerinnen zusammen, um Synergieeffekte zwischen den unterschiedlichen Expertisen zu erzielen. Verfolgt wird dabei ein settingorientierter, partizipativer und empowernder Ansatz, bei dem eventuell bestehende individuelle und infrastrukturelle Barrieren zur eigenständigen Nutzung von Bewegungsparks aufgespürt und möglichst verringert werden sollen.
In einem ersten Schritt hat ein Team älterer Menschen im Sommer 2010 vier der Parcours erprobt und bewertet. In Folge wurde im Herbst 2010 eine MultiplikatorIn-nenweiterbildung angeboten. Im Mai 2011 wird eine Betreuungsstruktur in einem ausgewählten Park eingerichtet und beworben. Erfahrungen des Wiener Arbeiter Turnvereins WAT aus dessen Projekt „Betreutes animiertes Bewegen“ in einem an-deren Bewegungspark fließen in die Forschungsergebnisse ein.
Parkbeobachtungen über zwei Jahre hinweg geben Aufschluss über die tatsächliche Besucherstruktur der Bewegungsparks zu verschiedenen Zeiten. Zusätzlich ermöglichte der Austausch der Ergebnisse mit Prof. Grit Hottenträger, FH Wiesbaden; einen Vergleich mit Studien zu Geräteparcours in Deutschland.
Wer nutzt die Geräeparcours und wer nicht?

Es hat sich gezeigt, dass sich Menschen über 50 Jahre grundsätzlich über jedes Angebot freuen, dass für ihre Altersgruppe konzipiert ist. Es zeigt sich allerdings, dass die Angehörigen dieser Generationen die Geräte kaum nutzen. Die Geräte werden derzeit vor allem von Kindern, zeitweise von Jugendlichen und von jüngeren Erwachsenen genutzt. Die Kinder nutzten die Geräte zum Teil intensiv und erforschen jede Möglichkeit der Nutzung, bei Jugendliche und Erwachsenen steht vor allem das Ausprobieren und Testen im Vordergrund, nur wenige Menschen nutzen das Angebot zum Trainieren, ganz wenige kommen regelmäßig.
Das hat vielfältige Gründe. Es gibt in Wien keine Tradition der Bewegung von Er-wachsenen in öffentlichen Parks. Diese Hemmschwelle ist für ältere Erwachsene besonders groß. Sie sind zwar sehr interessiert an ernsthafter Bewegung und einige machen regelmäßig Bewegung in verschiedenen Formen, sie wollen sich aber nicht öffentlich „zum Kasperl“ machen. So hat es viele abgeschreckt, ja sogar verärgert, wenn die Bewegungsangebote mit Spielen assoziiert werden, wie das bei der Bewerbung der Parcours als Seniorenspielplatz im deutschsprachigen Raum oft der Fall war.

Angebote speziell für die Generationen 50+

Die Annahme, dass ältere Menschen Bewegungsangebote in Wohnungsnähe ver-stärkt nutzen würden, hat sich nicht bestätigt. Für die Meisten über 50jährigen ist eine attraktive Parkgestaltung und gute Anbindung der Angebote an Öffentliche Verkehrsmittel wichtiger, als die unmittelbare Nachbarschaft. Sie sind mobil und gewohnt, sich in der Stadt zu bewegen, daher verbinden sie den Besuch im Bewe-gungspark gerne mit einem Ausflug oder Erledigungen. Allerdings sollte der Park nicht länger als 15 Minuten Fahr- oder Gehzeit entfernt und gut erreichbar sein.
Für Hochbetagte ist es hingegen schon wichtig, dass sie das Angebot in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes finden. Hier zeigte sich allerdings, dass der öffentliche Raum hierfür wenig geeignet ist. Sie bevorzugen eine geschütztere Umgebung, wie den Garten des Seniorenheims oder indoor. Als Hemmnis hat es sich auch erwiesen, wenn das Geräteangebot zu stark auf Menschen über 70 zugeschnitten ist. Da die meisten Menschen nicht gerne als „alt“ gelten, scheuen sie davor zurück Parcours, die auf diese Altersgruppe zugeschnitten sind, zu nutzen, obwohl sie die speziellen Geräte eigentlich schätzen.

Generationenübergreifendes Bewegen

Die zumeist angestrebte generationenübergreifende Nutzung hat sich nach unseren Ergebnissen als derzeit nicht zielführend erwiesen. Wenn beispielsweise Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam einen Geräteparcours aufsuchen, dann beschränkt sich die Tätigkeit der Erwachsenen zumeist auf die Unterstützung der Kinder und auf das Vorzeigen der intendierten Nutzungsart. Nur in seltensten Fällen trainieren Erwachsene neben Kindern, in der Regel ordnen sie ihre Tätig-keiten den Ansprüchen der Kinder unter, da ihre Aufgabe ja deren Betreuung ist. Die Aktivität der Erwachsenen ist nur kurzzeitig und von Unterbrechungen geprägt.

Umfeld und Anleitung

Die Erprobungen haben gezeigt, dass viele Menschen der älteren Generationen es schätzen, in der Gruppe aktiv zu sein. Sie genießen den Kontakt und die Möglichkeit zum Austausch. In der Gruppe ist es leichter sich die Geräte zu „erobern“ und Ungewohntes auszuprobieren. Und es hat sich gezeigt, dass professionelle Anleitung eine gute Unterstützung darstellt, die Hemmschwellen abzubauen und zu ermutigen, Neues auszuprobieren.
Eine besonders große Rolle kommt den begleitenden Maßnahmen und dem Um-feld der Anlage zu. Ältere Erwachsene legen großen Wert auf guten Zustand der Geräte und auf gepflegte Parkanlagen. Sie schätzen benutzbare Tische und Bänke, sie brauchen Sonnenschutz, Trinkwasserbrunnen und ein sauberes WC in unmit-telbarer Nähe. Fehlen diese Begleitmaßnahmen, wirkt das abschreckend bzw. wird es für viele unmöglich hier teilzunehmen.
Eine gut lesbare Beschriftung der Geräte in ausreichend großem Schriftgrad, etwa in Augenhöhe Erwachsener mit Anleitungsbeschreibungen zu den Übungen, er-gänzt durch Piktogramme und Hinweise zur richtigen Ausführung sind unerlässlich für die eigenständige und verletzungsfreie Nutzung der Geräte durch ältere Menschen. Diese selbstverständlich erscheinenden Vorgaben sind nicht in allen Fällen konsequent umgesetzt.
Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Entwicklung und Verankerung neuer Bewegungsaktivitäten im öffentlichen Raum hat die Öffentlichkeitsarbeit. Es fällt auf, dass ältere Menschen bislang kaum wissen, dass es in Wien Bewe-gungsparks gibt.

Leitlinien für Bewegungsangebote in Wien

Nach Abschluss der Erhebungen werden derzeit von Projektteam Leitlinien zu opti-malen Angebotsformen und Strukturmaßnahmen erarbeitet. Diese werden in einem dritten Schritt an „Round Tables“ mit den älteren Menschen selbst und mit politischen sowie planerischen EntscheidungsträgerInnen diskutiert und adaptiert. Es geht dabei um Hinweise, welche der verschiedene Bewegungsangebote für welche Zielgruppe eingesetzt werden können und welche Bewegungsangebote es über die Geräteparcours hinaus geben kann. Außerdem wird aufgezeigt, welche Rolle persönliche Anleitung für die Nutzung von Geräteparcours durch ältere Menschen spielt, wie Beteiligung und Empowerment das Angebot im Sinne der NutzerInnen verbessert und dass es nicht zuletzt um neue Bilder des Alters geht, wenn wir uns mehr Bewegung bis ins hohe Alter wünschen.

 

DI Rita Mayrhofer und DI Heide Studer sind Gesellschafterinnen von tilia Techni-sches Büro für Landschaftsplanung Wien, www.tilia.at
Mag Barbara Kolb und Ass. Prof. Mag. Dr. Rosa Diketmüller sind Mitarbeiterinnen der Abteilung Bewegungs- und Sportpädagogik des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Wien
Gefördert wird das Projekt gemma raus! aus Mitteln des Fonds Gesundes Österreich, des Sportministeriums und der Stadt Wien, MA 18 - Stadtentwicklung und Stadtplanung

Alle Fotos: tilia
 

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