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Internationales Fachmagazin für Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen

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08.08.2012 - Ausgabe: 4/2012

Das Sams treibt auf der Gartenschau sein Unwesen

von Anna-Lena Wenger (brugger landschaftsarchitekten_stadtplaner_ökologen) und
Tanja Potrykus (atelier spielträume)

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Die Idee des Konzepts für das Parkgelände beruht auf der ausgedienten Funktion der ehemaligen ERBA-Baumwollfabrik und beschäftigt sich mit der Struktur von textilen Geweben. Das Prinzip der Vernetzung wird zum übergreifenden Leitmotiv für den ERBA-Park und die Durchführung der Landesgartenschau 2012. Einen wichtigen Bestandteil der Gesamtkonzeption stellen die insgesamt fünf Spielbereiche der Landesgartenschau Bamberg dar.

"Voll toll" - die Sams-Spielplätze der Landesgartenschau Bamberg 2012.
Besser konnte das Urteil bei einem Testlauf der Spielplätze auf der Landesgartenschau kaum ausfallen: „Die Spielplätze sind voll toll“, freute sich die 8-jährige Lucia aus der Klasse 3a der Gangolfschule in Bamberg. Zusammen mit Schülerinnen und Schülern aus zwei weiteren Klassen hat sie die LGS-Spielplätze getestet. Für die Spielplatzgestaltung konnte die Landesgartenschau Bamberg 2012 GmbH den bekannten Bamberger Schriftsteller Paul Maar gewinnen und der ließ es sich nicht nehmen, beim großen Testlauf mit dabei zu sein. Seine weltbekannte Kinderbuchfigur „Sams“ treibt auf dem Gartenschaugelände ihr Unwesen.

Konzept der Spielbereiche - Die Sams-Geschichte „Eine Woche voller Samstage“

Die Idee die Sams-Wochentage als Grundlage für die Spielpunkte zu verwenden stammte vom Büro Brugger. Das Konzept der Spielplätze greift eine der bekanntesten Erzählungen der deutschsprachigen Kinderbuchliteratur auf. Nahezu jedes Kind erinnert sich an die Geschichte ‚Eine Woche voller Samstage’ des Bamberger Autors Paul Maar: Herr Taschenbier, ein schüchterner und eher unscheinbarer Angestellter, freut sich am Sonntag über den herrlichen Sonnenschein. Am Montag besucht ihn sein Freund Herr Mon, am Dienstag hat er wie immer Dienst, am Mittwoch ist die Mitte der Woche erreicht, am Donnerstag zieht ein Gewitter mit Blitz und Donner auf, am Freitag bekommt er überraschend frei und am Samstag begegnet ihm das Sams. Es ‚adoptiert’ ihn daraufhin als seinen Papa und stiftet reichlich Verwirrung in seinem bisher so ruhigen Leben. Die blauen ‚Sommersprossen’ des Sams entpuppen sich als Wunschpunkte, die Herr Taschenbier zur Erfüllung seiner Wünsche einsetzen kann. Mit dem Abschied vom Sams endet schließlich die erste Sams-Geschichte.

Herr Taschenbier hat jedoch Sehnsucht nach dem eigenartigen Wesen mit den roten Haaren und den blauen Sommersprossen, den Wunschpunkten. Daher wartet er seitdem darauf, dass wieder so eine Woche kommt, die am Sonntag mit Sonne beginnt und in der, nach einem freien Freitag, das Sams zu ihm zurückkehrt.

Selbst lesefaulen Kindern ist das Sams durch die drei Verfilmungen, die zu großen Teilen in der historischen Altstadt Bambergs gedreht wurden, ein Begriff. Stadtansichten von Bamberg prägen die Filme entscheidend und haben vor allem beim jungen Publikum einen hohen Wiedererkennungswert.
Die Stadt Bamberg bietet für Kinder bzw. Familien „Sams-Stadtführungen“ zu den Drehorten an.

Auf die einführende Geschichte baut die Thematik der Spielbereiche auf und führt in der Abfolge der Wochentage über das Gelände. Die Kinder können Herrn Taschenbier helfen die Woche durchzustehen, indem sie die Wochentagsstationen von Sonntag bis Samstag in den verschiedenen Spielbereichen erkennen und so das Sams schließlich zurückholen. Ein immer wiederkehrendes Leitmotiv ist dabei der blaue Wunschpunkt. Als reines Gestaltungs- aber vor allem als funktionales Spielelement mit hohem Wiedererkennungswert bietet er den Kindern Orientierung und leitet sie durch die einzelnen Spielplätze.

Zentraler Spielbereich: Kletterlandschaft im Birkenhain

Zur Gestaltung des zentralen Spielbereichs, der Kletterlandschaft im Birkenhain, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den Tanja Potrykus und Thomas Gröhling vom Atelier Spiel(t)räume gewannen. Sie entwickelten für den Spielplatz eine individuelle Geschichte: „Sams ist auf dem alten verlassenen Fabrikgelände der Erba unterwegs, stöbert in den Hallen herum und findet Stoffballen und Garnrollen. Diese großen Rollen bringt er nach draußen und rollt sie über das Gelände. Die Stoffbahn rollt sich auf diesem Wege ab. Sams wickelt mit den Bahnen Baumstämme ein und schlingt sie kreuz und quer durchs Gelände. Mit Garn umwickelt er Stämme und spinnt ein großes Kletternetz/-gerüst zwischen Stämmen. Die Garnrolle bleibt am Ende des Klettergerüsts stehen und auch die anderen Rollen lässt Sams liegen, bevor er sich nach Neuem umsieht“, sagt Tanja Potrykus.

Das Klettergerüst hat eine fragmentarische Netzstruktur. Verschiedene Netze und Schaukeln sowie Balancier- und Hangelseile sind darin eingehängt. In Wellen und Verwerfungen laufen die ausgerollten Stoffbahnen über den Boden. Gebaut sind diese aus krumm gewachsenen Robinienstämmen mit einer Auflage aus Lärchenbohlen. Aus der Umwickelung der „Stoffbahnen“ um mehrere Stämme entsteht ein Kletterhaus. Zum Eingang hin steigt der gewellte Steg brückenartig an. Das 14 Meter hohe Kletterhaus besteht aus mehreren Ebenen, die durch Aufstiegnetze und einen Netztunnel im Inneren erreicht werden können. An mehreren Stellen sind freie Bereiche in der Außenwand, die Ausblicke über das Gelände der Landesgartenschau freigeben. Von der zweiten und dritten Ebene gelangt man durch Röhrenrutschen nach unten.

Tanja Potrykus und Thomas Gröhling entwarfen und gestalteten ebenso die Wochentage Montag, Mittwoch, Donnerstag und Samstag sowie eine Skulptur des Herrn Taschenbier und die Wunschmaschine. Im Spielareal Birkenhain befinden sich die ersten Wochentagsstationen Sonntag, Montag und Dienstag: Mit der Hilfe von Sonnenscheiben aus gelbem Plexiglas können die Kinder am Sonntag die Sonne scheinen lassen. Durch farbige Reflexionen ergibt sich ein flirrendes Lichtspiel. Am Montag kam Herr Mon zu Besuch: dieser Wochentag wird durch eine Drehfigur symbolisiert, auf der die Kinder Herrn Mon erscheinen lassen können. Am Dienstag hat Herr Taschenbier Dienst. Da er als Regenschirmkonstrukteur arbeitet, wird diese Station mit schwingenden Schirmstelen umgesetzt.

Wasserspielplatz am Fischpass

Südlich des Birkenhains befindet sich einer der beiden Wasserspielplätze. Dieser ist in den Fischpass integriert, der im Rahmen der Landesgartenschau als Fischaufstieg geschaffen wurde.
Über Trittsteine und ein Balancierseil gelangt man zu einer Halbinsel. Hier können die Kinder in die Fließdynamik des Fischpasses eingreifen und das Wasser über verschiedene Schöpfwerke in den Wasserspielbereich leiten oder mit Hilfe von Zugwehren aufstauen, bevor es in eine kleine Sandbucht mündet. Der Wochentag Mittwoch wird hier mit einer Buchstabendrehsäule umgesetzt.

An der Station Donnerstag befindet sich der Donnerkasten, eine mit Lärchenlatten verkleidete Pfosten-Riegel-Konstruktion. Mit Blechen, die an beweglichen Metallstangen montiert sind, kann Donner erzeugt werden.

Spielplatz Wunschpunkte

Im Spielplatz Wunschpunkte wölben sich die blauen Punkte aus EPDM - Belag zu sanften Hügeln und Wellen, die speziell für die Kleinsten gut geeignet sind. Sie umgeben einen kleinen Sandspielbereich sowie die Wunschmaschine, die als akustisches Spielelement zum Einsatz kommt.
In die blauen Punkte eingebundene Wackelschalen schulen den Gleichgewichtssinn der Kinder. Nebenan lädt eine Hängematte zum Relaxen ein. Diese symbolisiert den Freitag, denn an diesem Tag hatte Herr Taschenbier frei. Der Wochentag wird auch durch eine vollplastische Figur des Bruno Taschenbier dargestellt, der sich in der Geschichtenwand ausruht. Die Kinder dürfen hier den Abenteuern des Sams lauschen. Sie ist als Hohlkastenelement mit wetterbeständigen Furnierschichtholzplatten konstruiert.

Wasserspielplatz am Altarm

Der Samstag ist schließlich im Wasserspielplatz am Altarm erreicht: die Kinder stoßen dort auf das Sams, das sie schon am Ufer erwartet. Eine Hangrutsche aus Edelstahlröhren ermöglicht einen schnellen Zugang zum Spielbereich. Mit den parallel angeordneten Seilfähren, die auf Sandsteinquadern montiert sind, können die Kinder um die Wette fahren und sich eigenständig über das Wasser fortbewegen.

Spielplatz Sandschlucht

Als ruhiger Treffpunkt befindet sich der Spielbereich Sandschlucht abseits des Rundganges. Hier wurde die natürliche Topographie belassen und durch die Böschungsbepflanzung mit Rosmarinweide ein dschungelartiger Charakter geschaffen. Mit der Tampenschaukel schwingt man sich durch die Schlucht, Stelzen aus Robinienholz oder die Hangel- und Balancierkombination ermöglichen die Querung von Hang zu Hang.

Fazit
„Ich bin begeistert“, sagte Paul Maar und zeigte sich überzeugt davon, dass die Kinder auf der Landesgartenschau jede Menge Spaß haben werden.

 

Konzeption Daueranlage
brugger landschaftsarchitekten_stadtplaner_ökologen
Deuringer Straße 5a 86551 Aichach
Tel.: 08251 – 8768 – 0, Fax: 08251 – 8768 – 88

atelier spielträume
Teufelsgraben 30,96049 Bamberg
Tel.: 0951-56040


Tanja Potrykus

 

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(Erster Beitrag erschienen in der Playground and Landscape Ausgabe 4 / 2019).